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Jazz-CD-Tipp für September Y-Otis 2 von Otis Sandsjö

Er war Kinderdarsteller im schwedischen Fernsehen, sang danach in einer Reggae-Band, bis er den Jazz und das Saxophonspielen für sich entdeckte. Heute lebt und arbeitet Otis Sandsjö in Berlin. Der 32-jährige Jazzkünstler kooperiert gern mit Kollegen wie seinem Landsmann, dem Kontrabassisten Petter Eldh oder mit der gefeierten Vokalistin Lucia Cadotsch. Jetzt hat er sein zweites Album unter eigenem Namen am Start: Y-Otis 2. Für Markus Mayer das Jazzalbum des Monats.

Von: Markus Mayer

Stand: 14.09.2020

Illustration: Saxophon und CD  | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Nein, All-Day-Music ist das nicht. Der Schwede Otis Sandsjö bricht mit so manchem Klischee, das man mit skandinavischem Jazz in Verbindung bringt. Hier wird nicht die Weite der skandinavischen Landschaft programmmusikalisch umgesetzt, hier stehen die mentalen Microchips kurz vor’m Overload. Otis Sandjös Stücke, die er zusammen mit seinem Landsmann, dem hervorragenden Bassisten Petter Eldh ausklabüsert hat, werden nicht jedermann gefallen. Sie fußen größtenteils auf synthetischen Sounds elektronischer Tonerzeuger und digitalen Datenbanken und wurden, was man ihnen anhört, mit und an einem modernen Aufnahmetool hergestellt.

Liquid Jazz - wunderbare Klanggespinste

Natürlich lässt sich angesichts der ausufernden, mäandernden Stücke dieses Albums die leidige Frage stellen, ob das noch oder schon wieder Jazz ist, aber mit obsoleten Fragen vergeudet man nur wertvolle Zeit. Otis Sandsjö hat bereits einen Terminus gefunden für seine abstrusen Klanggebilde, die überhaupt nichts mit gängigen Popsongformaten zu tun haben - eher scheinen sie Kompositionsprinzipien der Klassischen wie der sogenannten "Neuen Musik" zu reflektieren. Liquid Jazz nennt er sein Verfahren, sich mit seinem Instrument durch die wunderbar angeordneten Klanggespinste durch zu fädeln. Mal nimmt er eine Anregung auf und lässt die Melodie-Linien ausfransen, dann wieder ergeht er sich in zärtlichen Kommentaren, die er mittels Zirkularatmung den überfordernden Klangungetümen überstülpt.  

Y-Otis 2 - ein modernes Musikabenteuer

Es wummern die tiefergelegten Bässe, es fiepen die Electronica, es breakbeatet der Anti-Groove, was aber dann doch wieder erstaunlich harmonisch daherkommt. Tatsächlich waren für die zehn futuristischen Stücke vier Menschen aus Fleisch und Blut im Einsatz. Neben Eldh und Sandsjö sind der Brite Dan Nichols an den Keyboards und Tilo Weber an den Drums bzw. am Drumcomputer zu hören. Die vier greifen zwar Ideen aus der elektronischen Popmusik auf, der Intelligent Dance Music, aus Broken Beat und so weiter, belassen es aber nicht dabei. Das Faszinierende an dem Album: Es hört sich traumhaft an, klingt umwerfend gut und reflektiert auf hohem Niveau die Komplexität aufgezeichneter Musik. Mit anderen Worten: Y-Otis 2 ist ein modernes Musik-Abenteuer, das sich erst nach mehrmaligem Hören erschließt. 

Verblüffend, skurril, assoziativ

Als hätte man die rätselhaften Gedichte von Else Lasker-Schüler durch das Kompositionsprogramm eines KI-Computers gejagt und das Ergebnis mit Frank Zappas Humor überträufelt - so verblüffend, skurril, assoziativ und erfrischend klingen diese Aufnahmen. Wer offen ist, wird belohnt. Es gibt einiges zu entdecken an Wunderwerken in unserer urbanen, durchdigitalisierten Gegenwart. Y-Otis 2, der großartig versponnene LP-Zweitling des schwedischen Wahlberliners Otis Sandsjö ist in diversen Vinyl-Auflagen, als CD und Download zu haben.      

Erschienen ist Y-Otis 2 beim finnischen We-Jazz-Label.


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