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Jazz-CD-Tipp für November On The Corner presents "Door To The Cosmos"

Eine Gleichung zwischen dem Techno aus Detroit und Rootsmusik aus Dar Es Salaam, New Orleans und dem Niger-Delta macht das Londoner Label On The Corner auf. Was die unterschiedlichen Musikgattungen verbindet ist die Improvisationslust des Jazz. 24 Stücke mit wilder Musik hat die Plattenfirma auf einem erfrischenden Sampler veröffentlicht. Für Markus Mayer ist "Door To The Cosmos" deshalb das Jazzalbum des Monats.

Von: Markus Mayer  

Stand: 16.11.2020

Illustration: Saxophon und CD  | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Warum soll das eigentlich nicht gehen? Ein Dancefloortrack mit fetten Bässen und einem jazzigen Bläsersatz? "Door To The Cosmos", der Sampler des Londoner Labels On The Corner, stellt eine bekannte, wenngleich nicht breitgetretene Verbindungslinie her zwischen elektronischer Dancemusic und archaischem World- und Soul-Jazz. Das mag für viele verblüffend sein, ist aber gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn: Knöpfchendreher und Dancefloor-Bastler haben instrumentalen Jazz immer geschätzt und gesampelt. Archaische Musik aus Afrika und der arabischen Welt hat oft einen starken Beat oder ist komplett polyrhythmisch organisiert, was Dancefloor-Aficionados und Techno-Fans ebenfalls anspricht.

Futuristisch und ultramodern

Erst mal aber spült Labelbetreiber Pete Buckenham die Gehörgänge frei. Der Sampler beginnt mit rein elektronischen Stücken, die jedoch hinreichend komplex angelegt sind. Dancefloor-Produktionen mit fantastisch tiefergelegten Bässen – was bitte haben die denn mit Jazz zu tun, ließe sich fragen. Gleichwohl ist klar, was hier futuristisch und ultramodern vor sich hin fiept und elektroakustisch blubbert, kann durchaus mithalten mit den musikalischen Strukturen, wie sie etwa der exzentrische Bigbandleader Sun Ra entwickelt hat. Er war es auch, der einst ein Stück namens "Door To The Cosmos" komponiert und mit seinem Orchester aufgeführt hat.  

Jazz als verbindendes Element

Harte Bretter, die wirken, als wären sie für einen Techno-Klub in Detroit erdacht worden oder einen Grime-Schuppen in London wechseln sich ab mit Stücken, die sich aus Schnipseln verstaubter Weltmusik der einstigen Dritten Welt zusammensetzen. Das Tolle daran: Es funktioniert. Elektronik kann Soul und Tiefe haben. Und Jazz kann Verbindungen herstellen, verbindendes Element sein. Denn: Was der elektronischen Klubmusik bisher gefehlt hat, die Abwechslung und das Solo steuern bei diesen Aufnahmen improvisierende Bläser und möglicherweise virtuelle Congaspieler bei. Die Zukunft nähert sich, wenn man so will, der Vergangenheit an.   

Nächtliche Welt mit Sternenhimmel

Sie heißen Dengue Dengue Dengue, Uffe, Kalab oder Babani Soundsystem. Auch wenn man kaum einen der Track-Fabrikanten, deren Stücke vom On The Corner-Label in winzigen Vinyl-Editionen herausgebracht werden, kennt: Was präsentiert wird, sind fein gearbeitete, durch die Bank geglückte Versuche, verschiedene Musikwelten zu verbinden. Zu fusionieren, wie das in den 70er-Jahren hieß, zu verschmelzen, zu amalgamieren, also. Tropical Futurism meets Deep House, Afrofuturism meets Glitch and Grime Music - Versuch geglückt. Insofern stimmt der Titel dieses Triple-Albums: Es handelt sich hier eben nicht bloß um "Window To The Cosmos", was auch schon sehr, sehr viel wäre, sondern tatsächlich um eine Tür, eine Pforte, durch die man in eine nächtliche Welt mit prächtig glitzerndem Sternenhimmel wandeln oder besser, tanzen kann.

Album von Miles Davis

Das Mythisch-Archaische, gekoppelt mit digitalen Sounds. Jazzfans wissen natürlich, dass es sich bei On The Corner, dem Namen des Labels, auch um ein Album von Miles Davis handelt, auf dem dieser den Ansatz des Avantgarde-Komponisten Karlheinz Stockhausen aufgriff und in nebulösen Straßenfunk einbettete. Labelbetreiber Pete Buckenham jedenfalls hat mit seiner exzellenten Auswahl ein faszinierendes Neo-Fusion-Meisterwerk geschaffen.

On The Corner presents "Door To The Cosmos", dieser grandiose Perspektiven eröffnende Sampler ist in allen Formaten und auf bandcamp erhältlich.


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