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Jazz-CD-Tipp für November "Halle's Planet" und "Twin Paradox"

Dass Jazz bis heute lebendig geblieben ist, liegt auch an der Fähigkeit von Jazzmusikern, Elemente anderer Genres in die eigene Musizierpraxis zu integrieren. Zwei sehr unterschiedliche Beispiele dafür sind die neuen Alben des norwegischen Trompeters Gunnar Halle und des niederländischen Pianisten Loran Witteveen. Bernhard Jugel stellt sie vor.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 12.11.2019

Illustration: Saxophon und CD  | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Gunnar Halle: "Halle's Planet"

So zart und lyrisch kann Gunnar Halle klingen, wenn er eine Ballade spielt. Der norwegische Trompeter ist in ganz Skandinavien als Sessionmusiker gefragt, hat schon mit Jazzsängerin Susi Hyldgaard, dem Disco-Rock-Trio WhoMadeWho oder Weltmusik-Star Mari Boine aufgenommen. Auf seinem Album "Halle's Planet" entpuppt sich Halle als eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Trompete, der in langsamen Titeln melodisch und weich klingt und in den rockigen Stücken des Albums eine Heavy-Metal-Trompete über den Groove legt. 

"Grunge Jazz“ nennt Gunnar Halles deutsches Label Ozella seine Musik. Eine Bezeichnung, die nur einem Teil des Albums gerecht wird. Zusammen mit Gitarrist Stephan Sieben, Bassist Putte Johander und den beiden Schlagzeugern Knut Finsrud und Wetle Holte entflieht der norwegische Trompeter nämlich immer wieder allen Jazzrock-Klischees mit sphärischen Passagen oder eigenwilligen Breaks -und schafft so mit "Halle's Planet" einen eigenen Klang-Kosmos.

Loran Witteveen Trio: "Twin Paradox"

Einen sehr speziellen Klangkosmos kreiert auch das Loran Witteveen Trio auf seinem Album "Twin Paradox". In einem eher konventionellen Rahmen, nämlich dem des Klaviertrios, aber mit im Jazz nicht gerade alltäglichen Mitteln der zeitgenössischen E-Musik: mit 12-Ton-Reihen, verschobenen Metren, mit Polychorden und Polyrhythmen.

Der Albumtitel "Twin Paradox" bezieht sich auf ein Gedankenexperiment Albert Einsteins, nach dem von Zwillingen derjenige, der nach einer Reise in den Weltraum auf die Erde zurückkehrt, aufgrund der zurückgelegten Strecke und der Geschwindigkeit jünger ist als der Zurückgebliebene. Die Zeit und ihre Wahrnehmung ziehen sich durch fast alle Kompositionen dieses Albums. In dem Stück "Elasticity" spielen die Musiker musikalische Motive in verschiedenen Geschwindigkeiten, damit, so Komponist Loran Witteveen, "das Gefühl entsteht, die Zeit zu dehnen und zu verdichten."

Dem Pianisten Loran Witteveen gelingt zusammen mit Schlagzeuger Tristan Renfrow und Bassist Clemens van der Feen etwas Ungewöhnliches – nämlich eine hoch abstrakte Musik gleichzeitig sinnlich erfahrbar zu machen. "Twin Paradox" wird am 22. November beim Münchner Label Winter & Winter erscheinen.

    


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