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Jazz-CD-Tipp für März Wood River: "More Than I Can See"

Die aus Berlin stammende Saxophonistin Charlotte Grewe lebt mittlerweile in New York, hat Auszeichnungen wie den Jazz Echo und den Nachwuchspreis des Festivals Jazz Baltica im Regal stehen und spielt aktuell in fünf verschiedenen Formationen. Eine davon ist die Band Wood River, die Jazz, Art Rock und Songwriting fusioniert. Für Bernhard Jugel ist das neue Wood-River-Album "More Than I Can See" der Jazz-Tipp des Monats.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 13.03.2020

Illustration: Saxophon und CD  | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Eigentlich ist Charlotte Greve Saxophonistin, aber zur Musik ihrer Band Wood River setzt sie inzwischen häufig ihre Stimme ein. 2015 war sie beim Debutalbum nur bei einem Titel als Sängerin zu hören, beim aktuellen zweiten Album "More Than I Can See" singt sie bei allen acht Stücken des Albums, allerdings häufig - ganz ohne Worte! - nur Riffs und Melodien.

Vor allem der Wechsel zwischen streng durchkomponierten Passagen und Freiräumen für improvisierte Soli sorgt bei Wood River für Spannung. Außerdem gleicht keines der acht Stücke auf dem Album einem anderen. Diese Band kann genauso gut swingen wie rocken – und sie hat ein Faible für seltsam verschraubte Melodien und ungewöhnliche Breaks.     

Von den üblichen Vocal-Jazz-Alben mit ihren Reminiszenzen an das Great American Songbook oder gemütlich swingenden Adaptionen bekannter Popsongs ist das, was Wood River vorlegt, meilenweit entfernt. Da lassen sich vielleicht noch Reminiszenzen an längst dahingegangene Prog-Rock-Bands wie Gentle Giant oder an den Art-Rock von Slapp Happy und Henry Cow entdecken, aber eigentlich ist das, was Charlotte Greve da zusammen mit Schlagzeuger Tommy Crane, Bassist Simon Jerman und Gitarrist Keisuke Matsuno eingespielt hat, eine ganz eigene Kategorie - weit weg vom oft behäbigen Jazz-Mainstream. Welche andere Band schafft sonst schon in zehn Sekunden den Wechsel vom Metal-Riff zum lyrischen Saxophon-Solo?

Wer Jazzsoli und Rockrhythmen gleichermaßen schätzt, wer raffinierte Klangschichtungen und ungewöhnliches Songwriting entdecken will, dürfte mit diesem Album von Wood River goldrichtig liegen. "More Than I Can See" ist beim Münchner Label Yellowbird Records erschienen. Das Credo des Albums hat Komponistin und Songwriterin Charlotte Grewe in dem Lied "See" mit folgenden Worten beschrieben: "Komm und hör‘ zu / Schätze findest du im tiefsten Schlamm / solange du gleichzeitig bereit bist / nach vorn zu schauen und zurück."


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