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Hörbuch der Woche Yasmina Reza: "Anne-Marie die Schönheit"

Das Drama gehört zur Lieblingsgattung der französischen Schauspielerin, Schriftstellerin und Regisseurin Yasmina Reza. Vor allem durch die Verfilmung ihres Bühnenstücks "Der Gott des Gemetzels" 2005 durch Roman Polanski hat Reza an internationaler Bekanntheit gewonnen. Ihre Werke wurden in über 40 Sprachen übersetzt und weltweit gespielt und publiziert. Nun hat Yasmina Reza ein kurzes "Ein-Personen-Drama" verfasst: "Anne-Marie die Schönheit". Uraufführung war im März am Pariser Théatre National La Colline, Reza führte dabei selbst Regie. Als Hörbuch der Woche stellt es Isabelle Auerbach vor.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 26.06.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Ich hatte ein glückliches Leben, wissen Sie."

Zitat aus Anne-Marie die Schönheit

Diesen Satz wiederholt die Ich-Figur, die alte Schauspielerin Anne-Marie Mille, in ihrem assoziativen Gedankenkarussell wie ein Mantra in dem eineinhalb stündigen Hörbuch. Beim Zuhören dieses inneren Monologs, an Interviewpartner gerichtet, die anonym nur mit "Mademoiselle" oder "Monsieur" angesprochen werden, entpuppt sie sich als verbitterte, sarkastische und einsame alte Dame. Anne-Marie wirkt alles andere als glücklich in ihrer Rückschau auf ihr Leben als Schauspielerin, Ehefrau, Mutter und Freundin der Schauspiel-Kollegin Giselle.

"Sie war 21 Jahre alt, ich 19. Sie war eine von diesen jungen Frauen, die bis mittags im Bett lagen, und alles im Bett taten: Essen, Telefonieren, Lesen, Besuch empfangen, und in ihrer Garderobe hatte sie einen Diwan stehen, auf dem sie sich auch noch ausstreckte, die Füße höher gelegt. So eine war Giselle als ich sie kennenlernte."

Zitat aus Anne-Marie die Schönheit

Anne-Marie himmelt Giselle an und ist gleichzeitig neidisch auf sie und ihre Karriere: Gigi, so Giselles Spitzname, verkörpert alles, was ihr fehlt: Schönheit, Lässigkeit und schauspielerischen Erfolg. Außerdem scharrt Gigi aufregende Männer um sich, Anne-Marie hingegen nur einen langweiligen Ehemann und einen Liebhaber. Immerhin schafft sie es, sich aus der französischen Provinz, in der es nach Kohleminen riecht, in ein Pariser Theater hochzuarbeiten. Und das, obwohl die unbarmherzige Mutter ihrer Tochter Anne-Marie immer jegliches schauspielerisches Talent und jegliche Schönheit abgesprochen hatte. Anne-Marie glaubte ihr in Sachen Hässlichkeit.

"Mit 13 bastelte ich mir Haarteile aus Synthetikfäden, um zu spüren, wie mir Strähnen auf die Wangen fielen. Angeblich musste ich aufgehübscht werden, Mademoiselle. Meine Mutter sagte: 'Man darf sein Gesicht nicht verbergen!' Aber mein Gesicht war nicht vorzeigbar. Oben wurde geglättet und sorgfältig gestaltet. Aber mein Gesicht konnte nicht mithalten."

Zitat aus Anne-Marie die Schönheit

Auch mit ihrem langweiligen, inzwischen verstorbenen Ehemann kann Anne-Marie nicht mithalten. Immerhin, bemerkt sie lakonisch, hat er ihr finanzielle Sicherheit gegeben. Und ihr Sohn? Ein "Mistfink", behauptet sie im Text. All das ist dick aufgetragen und wirkt oft ironisch, im typischen Yasmina-Reza-Abrechnungsstil. Anne-Marie sehnt sich nach einem anderen Leben, träumt von der Schauspielerei, die sie in ihrer Heimatprovinz durch die Schauspielgruppe von Prospèr Ginot bereits als Mädchen kennen gelernt und vergöttert hat. Denn auf der Bühne ist alles möglich:

"Auf der Bühne war ich manchmal Anne-Marie die Schönheit, ja Mademoiselle."

Zitat aus Anne-Marie die Schönheit

Die 81-jährige Schauspielerin Elisabeth Schwarz findet genau den richtigen Ton für die alte, melancholische und verbitterte Ich-Figur. Bei den boshaften Kommentaren über den Sohn und den verstorbenen Ehemann klingt sie kratzbürstig – hörbar durch eine krächzende Stimme. Eine eher aufgedrehte Stimmung vermittelt Elisabeth Schwarz an Stellen, an denen es um Schauspielerei und Bühnenkunst geht und Anne-Marie ins Schwärmen kommt. Insgesamt interpretiert Schwarz die Figur abgeklärt und wählt ein altersgemäß ruhiges Sprachtempo. Neben den Lebenserinnerungen einer alten, eitlen Dame hat Yasmina Reza auch eine Hommage an die Schauspielkunst verfasst:

"Im Aufbruch kamen wir an einem Grab mit frischen Blumen vorbei. Ich schaute nach dem Namen. Und wer war es? Wer war es, Mademoiselle? Porspèr Ginot, Prospèr Ginot 1918 bis 1999, Schauspieler. P.G. lag da in…,  im Dunkeln neben meinen Eltern, neben dem Feld mit Kühen und Klatschmohn."

Zitat aus Anne-Marie die Schönheit

Nicht zuletzt wegen seines mündlichen Sprachstils eignet sich dieses Ein-Personen-Drama ganz besonders als Hörbuch. Die ungekürzte Lesung des Theaterstücks von Yasmina Reza "Anne-Marie die Schönheit" mit Elisabeth Schwarz ist am 2. Juni auf zwei CDs bei Hörbuch Hamburg erschienen.     

Angaben zum Hörbuch 

Titel: Anne-Marie, die Schönheit
Autorin: Yasmina Reza
Sprecherin: Elisabeth Schwarz   
ISBN 978-3-95713-188-1
Laufzeit: 82 min., 2 CDs
Verlag: Hörbuch Hamburg


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