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Hörbuch der Woche Thilo Krause: "Elbwärts"

Nach zwei Lyrikbänden hat Thilo Krause sein Romandebüt vorgelegt: "Elbwärts". Eine Flucht aufs Land und eine Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit im Elbsandstein der ehemaligen DDR. Der 1977 in Dresden geborene Autor bekam für sein Debüt den Robert-Walser-Preis. Die ungekürzte Lesung mit Nico Holonics ist Monika von Aufschnaiters "Hörbuch der Woche".

Von: Monika von Aufschnaiter

Stand: 23.10.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Jetzt haben wir also ein Haus mit Sandkasten und Schaukel. Wenn einer vorbeiläuft am Zaun, wird er denken: Ein glückliches Haus. Mir gefällt der Gedanke. Mir gefällt die Vorstellung, dass jemand von außen auf unser Leben schaut und neidisch wird."

Zitat aus Elbwärts

Doch drinnen sieht es anders aus; denn der Erzähler hat sich viel erhofft von der Rückkehr in seine Heimat, die Sächsische Schweiz. Mit Frau und Kind entflieht er der Stadt, sucht die Natur, die Nähe zum Elbsandstein und landet mit Mitte dreißig in der Midlife-Krise. Denn überall lauern die Schatten der Vergangenheit, allen voran die Erinnerung an einen Kletterunfall.

"Ich weiß nicht mehr, ob Vito schrie oder ob ich ihn nicht habe schreien hören. Er lag plötzlich unten. Ich saß auf meinem Ausguck, wie ein Zuschauer, unbeteiligt für ein paar Sekunden. Bis ich begriff, dass mein bester Freund reglos da unten lag. Das Licht war gleißend. Vito, Felsen, Wald."

Zitat aus Elbwärts

Als Teenager suchen der Erzähler und sein Freund die Freiheit draußen am Fels. Sie wollen weg von den Fahnen-Appellen des DDR-Regimes. Doch Vito verliert beim Absturz ein Bein und der Erzähler wird mit ihm zusammen ausgegrenzt; bloßgestellt als "schlechter Pionier". Thilo Krauses "Elbwärts" ist ein Roman-Debüt voller feiner Zwischentöne, eine Spuren- und Sinnsuche. Nico Holonics, wie Thilo Krause aufgewachsen in der DDR und heute Mitglied des Berliner Ensembles, lotet die Schattierungen mit angenehm ruhiger Stimme aus.

"Wie die Welt da zu einem kommt, wenn der Frost an den Fingern reißt oder der Regen die Sachen an der Haut kleben lässt, dass man weiß, wo man selbst aufhört und das Draußen beginnt."

Zitat aus Elbwärts

Thilo Krause bekam für sein Romandebüt den renommierten Robert-Walser-Preis. Als Lyriker wurde er schon zuvor mehrfach ausgezeichnet. Sein Schreibstil ist verdichtet, eine große Stärke sind die Natur- und Stimmungsbeschreibungen. Ebenso wie der Sprecher vertraut er auf Pausen, Leerstellen, die dem Hörer Raum lassen für eigene Assoziationen. Wie umgehen mit Schuld, die man vermeintlich auf sich geladen hat, mit der Sprachlosigkeit und dem Verlust von Heimat? Das Sandstein-Massiv, das einst für den Erzähler ein Ort der Freiheit und des Rückzugs war, wird heute als Touristenplattform genutzt, und die Felsen sind beschmiert mit Naziparolen.

"Und, wie ich vorne mit allen am Geländer stehe, bin ich nicht kenntlich als einer von hier. Ich bin nicht zu unterscheiden von den Zugereisten, den Tagestouristen, den Wandermystikern. Aber von denen, die am Berg gegenüber das Felsdach beschmiert haben, seh ich keinen. Und wenn ich jetzt einen zu fassen bekäme, würde ich ihm den Himmel vor den Kopf schlagen, den harten Pfahl blau. Und das auch, wenn es Vito wäre."

Zitat aus Elbwärts

Thilo Krauses "Elbwärts" ist ein stilles und kraftvolles Romandebüt mit viel Musikalität – in der Sprache wie im Erzählrhythmus. Die einfühlsame Lesung mit Nico Holonics bringt dem Hörer den Erzähler und seine verlorene Heimat nahe – und entlässt ihn mit einem geschärften Blick für die Wohltat kleiner Momente; in der Natur, mit Freunden und der Familie. Und am Ende: mit dem großen Glück, wenn es gelingt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

"Ich schaue Vito von der Seite an. Die Landschaft rauscht vorbei. Ich atme leichter. Ich atme so leicht, dass mir Tränen in die Augen steigen."

Zitat aus Elbwärts

Thilo Krause: "Elbwärts". Ungekürzt gelesen von Nico Holonics, ist auf 6 CDs beim Audioverlag erschienen.


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