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Hörbuch der Woche "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen"

Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren. Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und verbrachte zwei Jahre in Tokio, wo sie zu schreiben begann. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris, Berlin und Italien ist sie 2000 wieder nach Linz zurückgekehrt, wo sie heute mit ihrem Mann lebt, im Waldviertel. Für ihre Bücher und Essays erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, unter anderem den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Ihr neuer Roman, eine fiktionale Autobiografie, "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen" ist für Isabelle Auerbach das Hörbuch der Woche.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 26.02.2021

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Ich glaube, das siebte Lebensjahr des Menschen wird gnadenlos unterschätzt. Alle starren immer nur auf die Pubertät, aber die Pubertät beginnt im Grunde viel früher. Es muss sich erst einmal vieles ansammeln, bis es dann explosionsartig austritt."

Zitat aus Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen

Margit Schreiner definiert das Jahr ihrer Einschulung mit sieben zum Beginn einer neuen Ära in ihrem Leben. Denn damit traten die Ungerechtigkeit, das Sich-Vergleichen sowie die Vernichtung von Talenten in ihr Leben. In dem Roman erinnert sich die Schriftstellerin an ihre Kindheit in den 1960-er Jahren in einer Mehrfamilienhaussiedlung in Linz und an das Erwachsenwerden. Sie erklärt den Eltern, Nachbarn und Lehrern den Krieg. Schreiner unterbricht ihre Rückblicke in die Kindheit durch Reflexionen eines gealterten Ichs - über das Leben, die Freundschaften und den körperlichen Verfall und seziert beide Alltagswelten. Dabei fiktionalisiert Margit Schreiner ihre Autobiografie. Geschickt changiert sie zwischen wirklichen und erfundenen Ebenen und thematisiert dieses Spiel:

"Wenn ich mich vor den Spiegel stelle, kann ich keine Spuren dieser Siebenjährigen in meinem Gesicht entdecken, auch nicht die einer 18-, 20- oder 30-Jährigen. Alles nur in meinen Kopf, seinem Universum und den Paralleluniversen. Seltsam, wie es ihm gelingt, die vielen Ichs in dieses eine, mein Leben zu gießen."

Zitat aus Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen

Durchaus haben das siebenjährige Mädchen und die heutige ältere Frauenfigur Gemeinsamkeiten: Der schräge Humor und das Rebellische machen ihren Charakter aus. Auf dem Cover des Buchs und Hörbuchs wird das siebenjährige Mädchen mit lila gefärbten, kurz geschnittenen Haaren abgebildet. Die erzählende ältere Ich-Figur verbirgt ihr Aufbegehren gegen gesellschaftliche Normen ebenfalls keineswegs. Selbstironisch beschreibt sie etwa die Szene, in der ein junger Germanist sie in ihrem Haus im Waldviertel besucht, um sie über das Thema Schreibprozesse zu befragen:

"Nachdem ich mehrere Gläser Prosecco getrunken hatte, offenbarte ich ihm, dass ich am liebsten in der Kleidung schriebe, die ich in der Nacht zuvor getragen hatte. Direkt vom Bett an den Schreibtisch. Weder ins Bad gehen noch Frühstücken, keine Zivilisationsakte, keine Kontrollzwänge - nur Kaffee und Zigaretten. Der Germanist war beeindruckt. 'Nicht einmal vorher Zähneputzen'?, fragte er. Ich schüttelte den Kopf."

Zitat aus Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen

Die Schauspielerin Barbara Stoll zieht als Sprecherin des Hörbuchs mit ihrer warmen und tiefen Stimme vier Stunden lang in den Bann. Sie erzeugt eine persönliche Atmosphäre und interpretiert den selbstironischen, nüchternen und zuweilen derben Stil gekonnt. Die Mischung aus anekdotenhaften Kindheitserinnerungen - wie etwa Indianer- und Pinkelspiele - auf der einen Seite und den Zeitsprüngen in die Gedankenwelt der älteren Ich-Figur im Jetzt machen den Reiz des Hörbuchs aus. Barbara Stoll gelingt es mit ihrer Stimme, die Komik und den tiefen Ernst zu interpretieren, die Margit Schreiner mit ihrer Sprache erzeugt. Auch das Leichte, Trotzige und Unkonventionelle des siebenjährigen Mädchens vermittelt Stoll überzeugend in der ungekürzten Lesung des Romans "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen":

"Im Krieg wären wir froh gewesen, wenn wir ein paar Kartoffeln gehabt hätten, hatte meine Mutter einmal gesagt, als ich den Kartoffelsalat, den sie immer mit viel zu viel Mayonnaise zubereitet, nicht essen wollte, weil mir davon schlecht wurde. Mir war Krieg aber eindeutig lieber als Kartoffelsalat mit zu viel Mayonnaise. Innerlich formulierte ich Wort für Wort meine Kriegserklärung an alle Kassiererinnen, Eltern und Lehrer."

Zitat aus Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen

Hochkomisch und tiefernst schaut Margit Schreiner hinter die Kulissen der merkwürdigen Welt der frühen 1960-er Jahre. Wieder wagt sie den Blick in das Private ihres eigenen Lebens oder wie es hätte sein können.


Das Hörbuch von Margit Schreiner: "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen: Über das Private", gelesen von Barbara Stoll, ist als ungekürzte Lesung beim Diwan Hörbuchverlag erschienen.


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