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Hörbuch der Woche Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus

Wer hätte gedacht, dass der Philosoph und Soziologe Theoder W. Adorno 50 Jahre nach seinem Tod noch einen Bestseller landet - mit einem bisher unveröffentlichten Vortrag aus dem Jahr 1967, der dennoch brennend aktuell ist. In "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" analysierte Adorno damals den Aufstieg der NPD – beim Wiederlesen ergeben sich überraschende Parallelen zum Aufstieg der AfD fünf Jahrzehnte später. Jetzt ist der bei Suhrkamp veröffentlichte Sachbuchbestseller auch als Hörbuch erschienen – für Bernhard Jugel das Hörbuch der Woche.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 27.09.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte versuchen, nicht etwa mit dem Anspruch auf Vollständigkeit Ihnen eine Theorie des Rechtsradikalismus zu geben, sondern in losen Bemerkungen einige Dinge hervorzuheben, die vielleicht Ihnen nicht allen so gegenwärtig sind."

Zitat aus Hörbuch

So begann Theodor W. Adorno im April 1967 einen Vortrag an der Wiener Universität. Eingeladen hatte ihn der Verband Sozialistischer Studenten Österreichs, Anlass waren die Wahlerfolge der NPD, damals in mehreren bundesrepublikanischen Landesparlamenten vertreten. Adorno hielt seinen Vortrag frei, gestützt auf sieben Seiten mit Stichworten und Notizen. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich seit damals weitgehend geändert, die Strategien radikal rechter Politik eher nicht, wie sie Adorno schon 1967 folgendermaßen analysierte:

"Man sollte diese Bewegungen nicht unterschätzen wegen ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit. (…) Das Charakteristische für diese Bewegungen ist vielmehr eine außerordentliche Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinne, kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden."

Zitat aus Hörbuch

Das Verblüffende an diesem Vortrag von Adorno ist, wie viele der von ihm anhand der NPD beschriebenen Phänomene auch auf die AfD zutreffen: Die Benutzung von Feindbildern etwa – in den 60er Jahren waren es die Kommunisten, heute sind es alle, die einem Milieu angehören, das der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen "rotgrün versifft" nennt. Oder die damals wie heute zu beobachtende Tendenz, sich über Humanität und Moral zu mokieren. Auch zu der vieldiskutierten Frage, wie man mit rechtsradikalen Parteien umgehen solle, hat Adorno eine klare Meinung.

"Das einzige, was mir nun wirklich etwas zu versprechen scheint, ist, dass man die potentiellen Anhänger des Rechtsradikalismus warnt vor dessen eigenen Konsequenzen, dass man ihnen klar macht eben, dass diese Politik auch seine eigenen Anhänger unweigerlich ins Unheil führt und dass dieses Unheil von vornherein mitgedacht worden ist."

Zitat aus Hörbuch

Obwohl von Adornos 1967 gehaltenem Vortrag ein Mitschnitt existiert, hat Axel Wostry die Abschrift des Vortrags neu eingesprochen. Ohne große Emotion, aber sehr klar im Duktus stellt Wostry so die Mündlichkeit des Adorno-Textes wieder her, betont aber durch seine eher distanzierte Sprechhaltung auch die zeitliche Distanz. Wostry spricht auch das ausführliche Nachwort des Historikers Volker Weiß, der viel historischen Hintergrund liefert, aber auch die Parallelen zur aktuellen politischen Situation erläutert und zu dem Schluss kommt.         

"Auch in diesen Tagen ist das Gespenst, dem sich Adornos Vortrag widmet, noch lange nicht erlöst. Erneut wandelt es als neuer Rechtsradikalismus umher. Umso wichtiger ist es, sich die Struktur faschistischer Agitation und die sozialpsychologischen Grundlagen ihres Erfolges wieder bewusstzumachen."

Zitat aus Hörbuch

"Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" von Theodor W. Adorno mit einem Nachwort von Volker Weiß, beides gesprochen von Axel Wostry, ist auf zwei CDs beim Münchner Hörbuch-Label cc-live erschienen.


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