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Hörbuch der Woche Olga Tokarczuk: Gesang der Fledermäuse

Als im Oktober 2019 der Nobelpreis für Literatur für das Jahr 2018 an die Polin Olga Tokarczuk verliehen wurde, waren manche ihrer Bücher nach wenigen Tagen ausverkauft. Der kleine Züricher Kampa-Verlag war auf den Ansturm nicht vorbereitet. Außerdem: Weder ihre Romane noch ihre Erzählungen waren bis dahin im deutschen Sprachraum als Hörbuch eingelesen worden. Das hat sich geändert. Ihr erstmals 2011 in deutscher Übersetzung erschienener Roman "Gesang der Fledermäuse" ist jetzt ungekürzt auf einer mp3-CD erschienen – für Bernhard Jugel das Hörbuch der Woche. 

Von: Bernhard Jugel

Stand: 10.01.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Mein Alter und auch mein Zustand erfordern es mittlerweile, dass ich mir vor dem Zubettgehen ordentlich die Füße wasche, für den Fall, dass ich in der Nacht von einem Krankenwagen abgeholt werden muss."

Zitat aus Hörbuch

Die Ich-Erzählerin in Olga Tokarczuks Roman scheint recht gebrechlich zu sein, doch das täuscht. Auch sonst ist in "Gesang der Fledermäuse" vieles anders, als es scheint, in dieser Idylle an der tschechischen Grenze, als Sommerfrische beliebt, doch im Winter nur von verschrobenen Einsiedlern bewohnt. Zu denen zählt Janina Duszejko, ehemalige Brückenbauingenieurin, Hüterin der verlassenen Häuser und passionierte Astrologin. Als einer ihrer Nachbarn qualvoll stirbt, entdeckt sie in dessen Rachen die Todesursache – ein spitzes Stück Rehknochen.

"'Also das war es.' Matogas Stimme zitterte. 'Er ist erstickt. An einem Knochen erstickt. Der Knochen ist ihm im Hals stecken geblieben. Er hat ihn nicht rausgekriegt und ist daran erstickt.'"

Zitat aus Hörbuch

Der Verstorbene war Jäger, das Reh, an dessen Knochen er erstickte, war gewildert. Das wird noch eine Rolle spielen in dieser Geschichte, in der es bald mehr Tote gibt, alles Männer, alles Jäger, alle in illegale Geschäfte verwickelt. Und mittendrin Janina Duszejko, die den Ermittlungsbehörden hartnäckig und immer wieder die Erkenntnisse ihrer astrologischen Berechnungen mitteilt. Was ihr die Sterne sagen: die Täter waren Waldbewohner, die sich an den Jägern rächen wollten: Rehe!

"Ich habe bestimmte, sehr bezeichnende Informationen, die den umgangssprachlich Horoskop genannten Kosmogrammen der Opfer zu entnehmen sind, einer genauen Untersuchung unterzogen. Sowohl im einen als auch im zweiten Fall scheint offensichtlich zu sein, dass es zu einem Angriff seitens der Tiere kam, mit tödlichen Folgen für das Opfer."

Zitat aus Hörbuch

Wie Olga Tokarczuk geschickt Leerstellen in den Gedankenstrom ihrer ziemlich unzuverlässigen Erzählerin einbaut, wie sie die anderen Personen in diesem Panoptikum der Außenseiter lebendig werden lässt und wie sie bei dieser Kriminalgeschichte so ziemlich alle Krimi-Konventionen recht lässig missachtet, das hat gleichzeitig hohen Unterhaltungswert und hohes literarisches Niveau. Auch wegen der gelegentlich eingestreuten Zitate des englischen Mystikers William Blake, die die Grundstimmung des Romans noch unterstreichen.

"Ich reiste durch ein Menschenland / Das Reich von Männern und auch Fraun / Und hört‘ und sah solch Schrecken dort / Wie Erdenwandrer niemals schaun."

Zitat aus Hörbuch

Die Theater- und Filmschauspielerin Angelika Thomas findet genau den richtigen Tonfall für die wechselhaften Gemütslagen der Ich-Erzählerin und charakterisiert Nebenpersonen mit einem reichhaltigen Arsenal verschiedener Stimmfärbungen und Sprechhaltungen. Olga Tokarczuks "Gesang der Fledermäuse", bei DAV ungekürzt auf mp3-CD erschienen, wird so zu einem eindrucksvollen Stück Sprechtheater. Witzig, absurd, anrührend – und am Ende voller Überraschungen.      

"Mein eigenes Horoskop ist das tausendste und ich sitze oft darüber und versuche, es zu begreifen. Wer bin ich? Eines ist sicher – ich kenne das Datum meines Todes."

Zitat aus Hörbuch

Angaben zum Hörbuch

Titel: Gesang der Fledermäuse
Autorin: Olga Tokarczuk
Lesung: Angelika Thomas
ISBN: 987-3-7424-1553-3 (mp3-CD)


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