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Hörbuch der Woche Moritz Hürtgen: Angst vor Lyrik

Moritz Hürtgen macht sich gerne lustig - von Berufs wegen als Chefredakteur des Satiremagazins Titanic - aber auch als Lyriker. Nun hat er eine Gedichtsammlung vorgelegt, in der er sich von besonders schönen und fürchterlichen Ängsten heimsuchen lässt und ihnen kräftig die Zunge rausstreckt. Kann das gut gehen? Für Annegret Arnold ist "Angst vor Lyrik" das "Hörbuch der Woche".

Von: Annegret Arnold

Stand: 13.09.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Mit der Angst ist das ja so eine Sache – jeder kennt sie, zumindest irgendeine Form davon, jeder lebt mit ihr, manche verstecken sie, manche kokettieren damit. Angst hat hunderte Gesichter, skurrile und bedrohliche, verzerrte und lebensbestimmende. Wer von der Angst erzählt, erzählt meistens von ihrer dunklen Seite. Angst und Witz, das geht selten zusammen. Moritz Hürtgen, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, hat kein Problem mit dieser Paarung. Mit viel Humor hat er sich große und kleine, abstrakte, seltene und brandaktuelle Ängste zu Gemüte geführt und beschreibt sie mit den Mitteln der Lyrik. Lyrik? Auch das noch! Schon wieder ein guter Grund, ängstlich zurückzuschrecken.

"Zum Geleit: Angst vor Terror, Krebs und Spinnen, Angst, das Schreiben zu beginnen, Angst vor einem weißen Blatt, Angst des Dorfdepps vor der Stadt, fürchtet Mörder und Ganoven, fürchtet Schlaue wie die Doofen, doch wer fürchtet, der vergisst, dass die Angst am Schlimmsten frisst, wenn es Angst vor Lyrik ist."

Zitat aus Angst vor Lyrik

Angst vor dem Fliegen, vor Kindern, vor Gespenstern, vor Menschenmassen, Spinnen, Prüfungen, der Wahrheit, oder dem Herbst – 88 mehr oder weniger klassische Ängste hat Hürtgen unter die Lupe genommen und ihnen jeweils ein paar knappe, vom Versmaß her etwas holprige, und nicht selten bissige Zeilen, gewidmet. Wo lauert die Angst? Wann zeigt sie sich? Wie sollte man ihr begegnen? Und: wer schürt sie? Hürtgen belässt es in seinen Gedichten nicht bei einer vorsichtigen Annäherung an die Angst, ihre Opfer und Komplizen, sondern gibt klare Antworten.

"Was, wenn die Terroristen kommen? Dann wird hier bald in Blut geschwommen, dann wird erstochen und gehängt, wohl auch erdrosselt und gesprengt! Weh, wenn die Terror-Buben wüten, dann hilft nicht atmen in die Tüten, und wenn Du denkst, es ist vorbei, kommt einer, säbelt Dich entzwei. Bald wird der Terror uns erschießen – soweit die News, doch jetzt genießen Sie noch das Wetter, Hochdruck, blau der Himmel – Ihre Tagesschau."

Zitat aus Angst vor Lyrik

Eingelesen wurden Moritz Hürtgens Gedichte von Bjarne Mädel und Katharina Marie Schubert, die sich geschickt die Bälle zuspielen und hörbar Spaß an der Aufnahme hatten. Vor allem Bjarne Mädel ist gut gewählt, denn er schafft es mit seinem brummigen, versöhnlichen Bass Hürtgens Spitzen ein wenig zu entschärfen, etwa wenn er in Hamburgischer Mundart die "Angst vor dem Alkohol" besingt, oder sich der "Angst vor Smalltalk" stellt.

"Hört man nur 'Hallo ich bin…', spürt man schon den blanken Horror. Geh zum Sektempfang nicht hin, oder tu es nur als Schnorrer, der sich 7 Gläser Sekt plus 10 Häppchen unter Zucken tief in Maul und Rachen steckt, ohne einmal runterschlucken. Kommt dann wer und fragt was Dummes, guckt ganz irr und wild und toll, press heraus ein sabbernd-stummes 'schuldigung, mein Mund ist voll'."

Zitat aus Angst vor Lyrik

Geniale Wilhelm-Busch-Fortführung oder doch eher sprachlich aufgeblasener Humbug? Völlig egal! Es macht schlichtweg Spaß, diese lyrische Enzyklopädie der Ängste zu durchstöbern und am besten laut und in großer Runde zu Gehör zu bringen.

"Angst vor Lyrik" ist auf einer CD bei speak low erschienen.


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