B5 aktuell - Programm


0

Hörbuch der Woche Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"

Als Mariana Leky im Sommer 2017 ihren zweiten Roman "Was man von hier aus sehen kann" veröffentlichte, schaffte sie es damit, 65 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste zu stehen. Parallel zum Buch wurde ein Hörbuch produziert und zweieinhalb Jahre später sogar vom WDR ein zweistündiges Hörspiel unter der Regie von Petra Feldhoff, die als Regisseurin der "Unendlichen Geschichte" 2016 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde. Der Audio-Verlag hat die Hörspiel-Version nun auf zwei CDs herausgebracht. Für Isabelle Auerbach ist es das Hörbuch der Woche.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 07.02.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Zugegeben: Ich war skeptisch. Mein Lieblingsbuch von 2017, "Was man von hier aus sehen kann" als verkürzte Hörspiel-Fassung? Gleich vorweg: Es ist ein echter Hörgenuss und großartig geworden. Das Hörspiel trifft den witzig-skurrilen, melancholischen und poetischen Grundton des Buchs. Das liegt an den Schauspielern und der Machart, vor allem aber auch an der wunderbar komponierten Musik von Mike Herting. Der Komponist, der auch für die WDR Big Band und Wolfgang Niedecken Lieder arrangiert hat, mischt Instrumente aus verschiedenen Welten, wie das Klavier und die japanische Bambusflöte Shakuhachi.

Es sind Klänge, die scheinbar nicht zusammengehören, und doch harmonisch zusammenklingen. Die Musik im Hörspiel spiegelt damit eines der Grundthemen des Buchs: Zusammengeworfene Ideen und Charaktere, die alle dennoch miteinander verbunden sind und sich zu einem Ganzen fügen – wie das Tier aus dem Kongo, das Okapi, das im Traum der klugen Großmutter Selma erscheint. Immer wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Wen es treffen wird, weiß jedoch niemand.

"Das Okapi ist ein abwegiges Tier, das im Regenwald lebt, es ist das letzte große Säugetier, das der Mensch entdeckt hat. Es sieht aus wie eine Mischung aus Zebra, Tapir, Reh, Maus und Giraffe."

Zitat aus Was man von hier aus sehen kann

Luise, die Ich-Erzählerin und Enkelin von Selma, liebt als zehnjähriges Mädchen das sogenannte "Ähnlichkeitsspiel". Zusammen mit ihrem besten Freund Martin und dem Freund der Großmutter, einem liebevollen Optiker, kreieren sie gerne solche Gedankenpuzzles in Selmas Küche:      

"Martin: Pfandflaschen und Tannenbäume!
Optiker: Na das ist leicht: Beides ist zumeist dunkelgrün, beides pfeift, wenn der Mensch oder der Wind hinein pustet.
Luise: Tod und Liebe.
Optiker: Das ist ebenfalls leicht. Beides kann man nicht proben, beidem entkommt man nicht. Beides ereilt einen.
Martin: Was heißt ereilen?
Selma: Wenn einen etwas umrennt."

Zitat aus Was man von hier aus sehen kann

Was "Ereilen" und "Umrennen" bedeuten, erfahren die Kinder kurz darauf: Martin wird vom Tod ereilt. Er kommt bei einem tragischen Zugunglück um. Luise kann sich im Laufe der Geschichte, in der sie zur jungen Frau heranwächst, gegen die Liebe nicht wehren. Die Liebe, verkörpert durch einen zum Buddhismus konvertierten jungen Mann, der aus Japan in dem namenlosen Dorf im Westerwald einen Zwischenstopp macht. Alleine diese Liebesgeschichte ist so abwegig wie die des Okapis als Todesbote und gleichzeitig stimmig. Deshalb die japanisch meditativen Klänge der Shakuhachi sowie die jazzigen des Klaviers oder des Kontrabasses. Buddhistische Ideen tauchen mitten in dem Kaff mit seinen schrulligen Bewohnern auf. Gut, dass die Schauspieler, wie etwa Hans Kremer als alter Optiker, den Humor, der so häufig mitschwingt, gekonnt in Szene setzen.

"Optiker: Wenn wir etwas anschauen, kann es aus unserer Sicht verschwinden, aber, wenn wir nicht versuchen, es zu sehen, kann dieses ETWAS nicht verschwinden. Versteht ihr das?
Das ist die originellste Rechtfertigung für Ladendiebstahl, die ich je gehört habe."

Zitat aus Was man von hier aus sehen kann

Auch Jule Ronstedt mit ihrer naiven und erfrischenden Stimme spielt die junge Erzählerin und Hauptfigur Luise sehr überzeugend. Doch am besten ist Elisabeth Schwarz in der Rolle der klugen Großmutter Selma. In ihrer Stimme liegen die Weisheit und die Wärme der alten Frau sowie das Bodenständige der Dorfbewohnerin. Kurz vor Selmas Tod entdeckt sie all die vielen an sie gerichteten Liebesbrief-Anfänge. Ihr Freund, der Optiker, hatte sich nicht getraut, sie zu Ende zu schreiben und an Selma abzuschicken:

"Luise: Ein Blatt nach dem anderen nahm Selma aus dem Koffer, sie las:
Selma: Liebe Selma, spektakulär die Sonnenfinsternis heute…'
Luise: Bis sie nicht mehr konnte.
Selma: 'Danke, dass du mir am Ende so viele Anfänge bringst."

Zitat aus Was man von hier aus sehen kann

Das Hörspiel "Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky ist beim Audio-Verlag auf zwei CDs erschienen und ein wunderbares zweistündiges Hörerlebnis.


0