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Hörbuch der Woche Ko Machida: Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden/Flussbettlibrett

Der japanische Schriftsteller Ko Machida war in seinem ersten beruflichen Leben Punk-Rock-Musiker und Schauspieler. Er gründete seine eigene Punkrockband "Inu". Nach deren Auflösung widmete er sich dem Schreiben. Seine Geschichten, für die er diverse japanische Literaturpreise bekommen hat, handeln häufig von Anti-Helden. So auch seine beiden Debüt- Erzählungen aus der Mitte der 1990er Jahre, die im November als Hörbuch unter dem Titel "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden" im Diwan-Hörbuch-Verlag erschienen sind, von Charly Hübner interpretiert.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 29.11.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Schon der Titel "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden" zeigt den subversiven Witz, der dem in Japan gefeierten Schriftsteller Ko Machida eigen ist. Er setzt noch einen drauf: Die kleine Glücksgott-Figur, dieser Daikoku in der ersten Erzählung, der dem Ich-Erzähler wegen seines idiotischen Grinsens in seiner Wohnung so sehr auf die Nerven geht, hat einen gravierenden Makel:

"Denn dieser Herr Daikoku, ach was Herr, bei dem hier lassen wir das schön weg, dieser Daikoku ist schuld. Der Scheißkerl wollte nämlich nicht von alleine stehen. Er fiel immer wieder um. Anfangs, der Bursche war immerhin der Gott des Glücks und der Güte, richtete auch ich ihn - ah, der arme Herr Daikoku, der gute Daikoku ist umgefallen - jedes Mal wieder auf, aber kaum hatte ich mich versehen, lag er wieder auf der Seite mit seinem Glückshammer."

Zitat aus Hörbuch

Ein Gott, der nicht aufrecht stehen kann, sondern umfällt, muss weg, beschließt der junge Ich-Erzähler volltrunken. Aber wohin? Einfach so im Müll entsorgen? Auf einem verwahrlosten Kinderspielplatz liegenlassen? Oder soll er ihn aus Geldmangel seinem einzigen Freund als Kunstfigur verkaufen? Die junge Ich-Figur hat nämlich keine Kohle, keine Frau - sie ist ihm gerade abgehauen - und seit drei Jahren auch keine Arbeit mehr. Sein Freund, der mit ihm die Alkoholsucht, die Planlosigkeit und die Freude am Abhängen teilt, bietet ihm einen Job an in einem Second-Hand-Laden für Klamotten.

"Ich-Figur: Ich soll Kleiderhändler werden? Mach ich nicht, gehe ich nicht hin.
Freund: Aber ich, oder wie?
Ich-Figur: Genau, geh du!
Freund: Kommt mir irgendwie ungerecht vor.
Ich-Figur: Kann ich verstehen. Geht aber nicht anders, nimm´s als Schicksal.
Freund: Lass uns wenigstens knobeln: Schere, Stein, Papier!
Ich-Figur: Bist du verrückt – Schere, Stein, Papier - bei so ner wichtigen Sache!"

Zitat aus Hörbuch

Die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, feinem Sprachwitz und vulgären Ausdrücken, anarchischen Zwischentönen und skurrilen Situationen, machen beide Debüt-Erzählungen zu etwas Besonderem. Der Hörer taucht ein in die Absurditäten japanischer Alltagskultur: Die erste Geschichte handelt vom Versuch, den Glücksgott zu entsorgen. In der zweiten - "Flussbettlibrett" - führt der ehemalige Punkrocker und Schriftsteller Ko Machida in den Mikrokosmos einer Nudelsuppenküche.

"Das, was den Mitarbeitern eines Stehimbisses für Nudelsuppen bei der Arbeit ständig abverlangt wird, ist nicht gekonnte Nudelsuppenherstellung oder Kundenfreundlichkeit, sondern: Einklang der Herzen, Geist der Harmonie."

Zitat aus Hörbuch

Doch die Harmonie bringt eine Mitarbeiterin heillos durcheinander und ein Affe landet schließlich im Nudelwasser. Ko Machida lässt vor allem die Frauen als überdrehte, hysterisch-verrückte Charaktere auftreten. So auch die Regisseurin Sakurai beim Vorlesen einer Drehbuchszene ihres Low-Budget-Films über einen japanischen Maler, der das Motiv des Oktopus liebt:

"Auf dem Bett eine Frau allein, plötzlich klingelt es, sie öffnet die Tür, ein riesiger Oktopus, sie kreischt, hat Angst, Angst, Angst. Sie macht die Tür schnell zu, geht wieder zum Bett. Dort jetzt ein goldener Oktopus, die Saugnäpfe feucht. Ah, wie sie sich fürchtet vor diesem großen großen Oktopus. Sie rennt zum Fenster, aber auch dort Oktopus an Oktopus. Sie merkt, das ganze Zimmer ist voll davon, voll von roten, gekochten Oktopussen. Ha, ich habe Angst, solche Angst, weg da, geht weg, Hilfe… das halte ich nicht aus. Alles ist voller Oktopusse. Die ganze Welt ist voller Oktopusse. Sakurai lachte laut auf: Hohohh."

Zitat aus Hörbuch

Wunderbar interpretiert von Charly Hübner, ist das Hörbuch "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden" ein unterhaltsamer Hörspaß für alle Fans von rebellisch-frechen Dialogwitzen und von rhythmischer und lautmalerischer Sprache. Außerdem hat Ko Machida eine Hommage an Männerfreundschaften geschrieben, die voreinander buchstäblich "die Hosen runter lassen". Ein provozierendes Feuerwerk der japanischen Literatur.

Das Hörbuch ist auf vier CDs beim Hörbuchverlag DerDiwan erschienen.


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