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Hörbuch der Woche "Eine irische Familiengeschichte" von Graham Norton

Unter seinem Künstlernamen Graham Norton ist der 55-jährige Ire bekannt als Fernsehmoderator mit eigener Show, Komiker, Schauspieler und seit 2016 auch als Schriftsteller. Mit seinem damaligen Debüt: "Ein irischer Dorfpolizist" eroberte Norton die englischen und irischen Bestsellerlisten und wurde mit dem Irish Book Award ausgezeichnet. Jetzt hat er sich wiederum an einen Stoff gewagt, der viel über das typisch irische Leben erzählt. "Eine irische Familiengeschichte", so der Titel des Romans, beleuchtet Tabus, Lügen und verpasste Lebenschancen in der irischen Provinz.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 29.03.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Eine irische Familiengeschichte, die von Geheimnissen und zerplatzten Liebes- und Lebensträumen handelt, mit drei Hauptfiguren und zwei Zeitebenen. In der Gegenwart erzählt Graham Norton die Geschichte der Irin Elisabeth Keane, die als alleinerziehende Mutter mit ihrem 17-jährigen Sohn in Manhattan lebt. Sie kehrt nach vielen Jahren in ihre kleine fiktive Heimatstadt "Buncarragh" zurück, in der Nähe von Kilkenny. Nach dem Tod ihrer Mutter Patricia muss sie den Haushalt auflösen.

"Sie war keine fünf Minuten in „Buncarragh“ und schon stürzten all die Gefühle wieder auf sie ein, vor denen sie davongelaufen war. Es war völlig egal, wie eifrig sie lernte, und wen sie zu ihren Geburtspartys einlud… Man würde ihr in dieser Stadt immer das Gefühl geben, minderwertig zu sein."

Zitat aus Hörbuch

Im Haus der verstorbenen Mutter entdeckt Elisabeth ein Bündel Liebesbriefe, die ihr etwas über ihre Vergangenheit verraten und sie zu ihrem totgeglaubten Vater Edward führen. Ihre Mutter Patricia hatte ihr als Kind erzählt, dass er gestorben sei. Doch er lebt, ein alter, seniler Mann in einem Seniorenheim.

"Sorgsam, als könnte ihre Mutter herausfinden, dass sie sie gelesen hatte, faltete Elisabeth die Briefe wieder zusammen und legte sie in ihre staubige Vergessenheit in der Kiste zurück. Wer war ihre Mutter damals gewesen?"

Zitat aus Hörbuch

Und das ist die zweite Zeitebene im Hörbuch: Die Geschichte der Mutter Patricia. In den 70er Jahren wollte sie der Enge von Buncarragh entfliehen. Doch sie kehrt nach einiger Zeit zurück - mit Elisabeth als Säugling, umhüllt von einem Mantel des Schweigens und des Verdrängens. In Patricias Biographie taucht die dritte Hauptfigur des Romans auf: Der naive, unbeholfene und kraftlos wirkende Farmer Edward Foley, Elisabeths Vater. Sein Leben wird beherrscht von seiner psychisch kranken Mutter, mit der er auf der windumtosten Farm oberhalb des rauen Atlantiks lebt. Mrs. Foley gelingt es, auch Patricia in die Opferrolle zu drängen und sie heimlich mit Edward zu verheiraten. Auch ihr Sohn Edward trägt, wie fast alle Figuren, ein dunkles Geheimnis mit sich herum.

"Noch immer traten die Füße seiner Mutter aus, einer hatte sich gelockert und landete wie ein Fallapfel im Gras. Edward wusste nicht, was er tun sollte, das war so nicht vorgesehen. Er schob die Schubkarre in Richtung Haus und gab ein lautes Wimmern von sich...

Er konnte es nicht ertragen, er würde sie herunterschneiden. Gerade als er auf den hängenden Körper zurannte, wurde plötzlich alles still. Das Seil schaukelte noch leicht und der Regen tropfte von den Bäumen, aber seine Mutter war fort."

Zitat aus Hörbuch

Graham Nortons Liebe fürs Detail wird in dieser Mord-Szene besonders deutlich. Der Schauspieler Charly Hübner, der bereits den Debütroman des Schriftstellers für ein Hörbuch gesprochen hat, trifft den melancholischen Grundton besonders gut mit seiner tiefen, etwas nuscheligen und cool-distanzierten Sprechweise. Die Familiendramen, die Elisabeth hartnäckig und fast archäologisch freilegt, berühren durch Charly Hübners unaufgeregte Interpretation noch intensiver. Allein dadurch entsteht eine Spannung, die zum inhaltlichen Spannungsbogen passt.       

"Der Wind war stark, aber nachdem sie so lange im Auto gesessen hatte, genoss sie, wie er ihr ins Gesicht blies und nach dem Salz vom Meer schmeckte."

Zitat aus Hörbuch

Und immer wieder sorgen der raue irische Wind und der Regen dafür, die Schwere mitzunehmen oder an einigen Stellen wegzuspülen, so dass auch Graham Nortons Humor spürbar wird, v.a. durch die vielen schillernden Nebenfiguren.   

Ein vielschichtiges Hörbuch für verregnete Frühlingstage. Am besten zu genießen mit einer Kanne Irish Bewleys Tee. "Eine irische Familiengeschichte" von Graham Norton ist als ungekürzte Lesung auf sieben CDs beim Argon-Verlag erschienen. 

Angaben zum Hörbuch

Autor: Graham Norton
Titel: Eine irische Familiengeschichte
Gelesen von: Charly Hübner
Verlag: Argon Hörbuch
Gesamtlaufzeit: 7 CDs, 8 Std. 22 Min.
ISBN: 978-3-8398-1716-2


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