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Hörbuch der Woche "Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo"

Annegret Arnold stellt Ihnen das Hörbuch "Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo" vor. Der Hörbuch-Tipp der Woche: immer freitags, 13.25 Uhr und 19.25 Uhr auf B5 aktuell.

Von: Annegret Arnold

Stand: 18.06.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Vor einigen Jahren wurden der Öffentlichkeit Dokumente aus der NS-Zeit zugänglich gemacht, die bei Kriegsende in die Sowjetunion überführt worden waren – darunter eine 2000 Seiten umfassende Akte zu dem "Vorgang Benario", wie die Nazis es betitelten; Gestapo-Vermerke, Anordnungen, Protokolle über die Haftzeit von Olga Benario aus den Jahren 1936-1942. Die Schauspielerin und Regisseurin Ute Kaiser hat Auszüge aus dieser Akte und persönliche Briefe aus dieser Zeit zusammengeführt und zusammen mit den Schauspielern Martin Molitor und Gabriela Börschmann eingelesen. Für Annegret Arnold ist die Montage mit dem Titel "Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo" das "Hörbuch der Woche".

"Olga Benario wurde am 18. Oktober bei der Ankunft des Dampfers La Coruna in Hamburg zusammen mit Elise Ewert festgenommen und sogleich nach hier überführt. Die Benario ist noch nicht vernehmungsfähig. Sie befindet sich zur Zeit im Frauengefängnis Barnimstraße in ärztlicher Behandlung."

Zitat aus Hörbuch

Berlin, im Oktober 1936. Die Gestapo vermerkt in einer neu angelegten Akte die Ankunft der Gefangenen Olga Benario, einer in München geborenen Jüdin und Kommunistin, die von der brasilianischen Regierung wegen "regierungsfeindlicher Umtriebe" nach Deutschland ausgeliefert wurde. Sie ist die Frau des brasilianischen Widerstandskämpfers Luiz Carlos Prestes, der ebenfalls inhaftiert wurde und jetzt in Isolationshaft in Rio de Janeiro einsitzt. Olga Benario ist bei ihrer Ankunft hochschwanger und bringt, nur einen Monat später, im Lazarett des Frauengefängnisses ihr Kind zur Welt – ein Mädchen. In Briefen beschreibt sie ihrem Mann ihre Situation in Schutzhaft und das Leben mit ihrer Tochter.

"Abends um 6, wenn sie ihre Milch getrunken hat, haben wir unser Plauderstündchen. Ich darf dann mein Bett herunterlassen, das tagsüber gegen die Wand gelehnt sein muss. Darüber breite ich eine Decke, setze die Kleine darauf und mich dazu aufs Bett."

Zitat aus Hörbuch

Fünfeinhalb Jahre verbrachte Olga Benario in Gefängnissen und Konzentrationslagern, bevor sie 1942 getötet wurde. Die Briefe, die sie in dieser Zeit schrieb und erhielt, sind heute kostbare Dokumente, die auf eindringliche Weise Zeugnis ablegen – zum einen von der starken, zärtlichen Liebe zweier Menschen, zum anderen von den Schrecknissen des Nazi-Regimes. Der Literaturwissenschaftler Robert Cohen hat die Briefe gesichtet und 2013 veröffentlicht, drei Jahre später gab er Auszüge aus der Gestapo-Akte zu Olga Benario heraus. In dem Hörbuch "Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo", das die Schauspielerin Ute Kaiser konzipiert hat, werden nun beide Quellen, persönliche Briefe und Protokolle der Gestapo, zusammengeführt. Schärfer könnte der Kontrast zwischen der innigen Sprache der beiden Liebenden und der berechnenden Amtssprache der Nazis nicht zum Ausdruck kommen – etwa, wenn Olga ihrem Mann hingebungsvoll vom Aussehen und Wesen ihrer Tochter berichtet und im darauffolgenden Gefängnis-Vermerk die Abholung des Mädchens angekündigt wird. Schonungslos führt einem die Montage vor Augen, wie ein Mensch in einem menschenverachtenden Apparat zu Grunde gerichtet wird.

"Berlin, 20. Januar 1938. Der Strafanstaltsdirektor des Frauengefängnisses an die Gestapo: beifolgend übersende ich das Original des anstaltsärztlichen Zeugnisses für das Kind der Benario-Prestes. Die Benario-Prestes weiß nicht, dass das Kind morgen um 13 Uhr abgeholt wird."

Zitat aus Hörbuch

Wer war Olga Benario? Wie kam sie zum Kommunismus und was machte sie in Brasilien? Einen Einblick in die außergewöhnlichen Biographien von Olga Benario und ihrem Mann bietet das 40-Seiten-starke Hörbuch-Booklet. Der Literaturwissenschaftler Robert Cohen zeichnet darin zentrale Lebensstationen nach und beschreibt ihre letzten Lebensjahre. Dank dieser Ausführungen kann man sich ein Bild machen von Olga Benario, die auch angesichts des brutalen Vernichtungswillens des Nationalsozialismus stark bleibt.

"Mein lieber Karli, sicher bist Du durch unsere liebe Mutter längst davon informiert, dass unsere Kleine nicht mehr bei mir ist. Ich darf wohl sagen, dass neben dem 5. März 1936 der 21. Januar 1938 zu den schwärzesten Tagen meines Lebens gehört (…) Angesichts solcher Ereignisse steht man vor der Alternative daran zu zerbrechen, oder hart zu werden. Und Du weißt, dass nur das Zweite für mich in Frage kommt."

Zitat aus Hörbuch

Anita Leocádia Prestes, das Mädchen, das im Gefängnis zur Welt kam und ihrer Mutter mit einem Jahr weggenommen wurde, hat den Holocaust überlebt. Sie hat an diesem Hörbuch, das auf eindringliche Weise an das Schicksal ihrer Mutter erinnert, mitgewirkt und stellt dem Entsetzen deswegen auch etwas Positives gegenüber.

Das Hörbuch "Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo" ist auf einer CD bei Nemu-Records erschienen.


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