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Hörbuch der Woche "Der geschenkte Gaul" und "Das Urteil"

Erfolgreiche Chansonsängerin und international gefeierte Schauspielerin: Hildegard Knef, 1925 geboren und 2002 in Berlin gestorben. Zwei Bücher, die Hildegard Knef 1970 und 1975 veröffentlichte und die ihr eine dritte Karriere, nämlich die einer erfolgreichen Autorin, bescherten: "Der geschenkte Gaul" und "Das Urteil", beides autobiographische Romane, die tief in ihr unstetes und von vielen Schicksalsschlägen gebeuteltes Leben blicken lassen. Beide Bücher hat Hildegard Knef eingelesen und sie wurden nun vom Hörbuchverlag Tacheles! – RoofMusic als Doppelpack veröffentlicht.

Von: Annegret Arnold

Stand: 09.08.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Hildegard Knef liest "Der geschenkte Gaul" und "Das Urteil"

"Mutter sagte zum Stiefvater nachts in die Finsternis hinein:
'ein Jammer, dass Hilde nicht hübscher ist.'
Und Stiefvater murmelte verstört-verschlafen:
'naja, aber ganz interessant sieht se aus.'"

Zitat aus Der geschenkte Gaul

"Nicht gerade hübsch", von zahlreichen Krankheiten heimgesucht und schon früh auf sich selbst gestellt, wächst im Berlin der 1930er Jahre ein Mädchen heran, das sich später als erfolgreiche Schauspielerin und Chansonette durchsetzen wird: Hildegard Knef. Sie wird, 1925 geboren, während des Nazi-Regimes groß, wächst ohne Vater und mit einer schwer arbeitenden Mutter auf, erlebt die Entbehrungen und Schrecken des Krieges, findet entgegen aller Erwartungen den Weg zum Film und schreibt all das Jahre später, 1970, als sie schon eine steile Karriere als Filmschauspielerin, Broadway-Darstellerin und Sängerin, aber auch zahlreiche Rückschläge hinter sich hat, in einem Buch nieder: "Der geschenkte Gaul". Das "bewegende Zeitdokument" wurde als literarische Sensation gefeiert, in 17 Sprachen übersetzt und über drei Millionen Mal verkauft. In schonungsloser Offenheit und in knapper, lakonischer, leicht spöttischer Sprache beschreibt Hildegard Knef ihre oft einsame Kindheit, ihr Verhältnis zur Mutter und dem geliebten Großvater, ihr Großwerden in einer finsteren, angstbesetzten Zeit. In einem der eindringlichsten Kapitel des Buches schildert Hildegard Knef die fürchterlichen letzten Tage des Krieges, das Näherrücken der Russen und die unmenschlichen Strapazen, denen sie ausgesetzt war.

"Wir haben Hunger, Hunger, der uns verrückt macht. Wir reden, sind unvorsichtig, […] laufen weiter an Nauen vorbei nach Friesack. […] Irgendwo müssen sie sein, die Amerikaner. […] Wir sind noch 20. 20 brabbelnde, stolpernde, vom Hunger verrückt gewordene."

Zitat aus Der geschenkte Gaul

Fünf Jahre nach dem großen Erfolg von "Der geschenkte Gaul", veröffentlichte Hildegard Knef ihr zweites Buch "Das Urteil". 1973 hatte man bei ihr Brustkrebs festgestellt. In "Das Urteil" setzt sie sich damit auseinander, erzählt von den verschiedenen Stationen ihrer Krankengeschichte, von Fehldiagnosen, Operationen, teuflischem Krankenhauspersonal und durchlittenen Schmerzen. Wegen der offenen Zurschaustellung des Tabuthemas Brustkrebs sorgte "Das Urteil" nach Erscheinen für Furore. 

"Die Kanüle stieß neben die Vene im Unterarm. Nachdem sie sich mit der flachen Hand dreschend vergewissert, dass kein Blut zu finden, zerrte sie die Kanüle heraus, maß mich mit einem das-wollen-wir-doch-mal-sehen-Blick und hieb sie in die Armbeuge. Auch da blieb sie, obwohl nochmals dreschend und die Nadel in verschiedene Richtungen stoßend, erfolglos."

Zitat aus Das Urteil

Aufgenommen wurde Hildegard Knefs Lesung von "Das Urteil" im Jahr seines Erscheinens 1975. Man kann ihre Wut und ihr erstauntes Entsetzen über den Umgang mit ihr als Patientin nicht nur ihrer ungezähmten und wortgewaltigen Sprache, sondern auch ihrer Stimme anhören, die kraftvoll und temporeich durch die Erzählung führt. Anders ist das bei "Der geschenkte Gaul". In der Aufnahme von 1998 wirkt Hildegard Knef deutlich ruhiger und distanzierter und schafft dadurch einen wirkungsvollen Kontrast zu den offenen Schilderungen aus ihrem Leben.

1968 erschien Hildegard Knefs bekanntester Song "Für mich soll's rote Rosen regnen". Wenn man sie bei der Interpretation dieses Songs in einem der zahlreichen Konzert-Mitschnitte ansieht, dann sieht man eine aufrechte, stark geschminkte, lächelnde Hildegard Knef. Wer hinter diesem Lächeln steckt und wie ihr holpriges Leben mit dem Glamour zusammen geht, kann man auf diesem Hörbuch erfahren. Die beiden Lesungen im Doppelpack sind auf zwei mp3-CDs bei Tacheles! RoofMusic erschienen.


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