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Hörbuch der Woche "Das Ende der Bücher" von Octave Uzanne

Werden wir in 100 Jahren noch "ein gutes Buch" in die Hand nehmen? Prognosen sind immer heikle Unterfangen. Umso erstaunlicher scheint es, wenn mal eine Prognose über einen hundertjährigen Zeitraum gar nicht so danebenliegt! "Das Ende der Bücher" lautet der düstere Titel eines Gedankenspiels von Octave Uzanne aus dem Jahr 1894. Darin prognostiziert er ein Paradigmenwechsel vom Lesen zum Hören - Literatur könne man dann mittels mobiler "Hörschläuche" genießen, so vermutete Uzanne. Diese frühe Hörbuch-Vision gibt’s nun konsequenterweise auch als Hörbuch.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 31.05.2021

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Ich glaube also an den Erfolg von allem, was der menschlichen Bequemlichkeit und Selbstsucht schmeichelt und dienlich ist. Und so wie der Aufzug das Treppensteigen aus der Welt geschafft hat, wird der Phonograph vermutlich die Druckkunst vernichten."

Zitat aus Das Ende der Bücher

Mit diesen Prognosen für eine Welt in 100 Jahren amüsiert der sogenannte "Bücherfreund", der Ich-Erzähler in Octave Uzannes futurologischem Essay, eine illustre Londoner Herrenrunde, die sich im Jahre 1892 von einem apokalyptischen Vortrag über das Ende der Menschheit nun wieder erholen will, in exklusiver Klub-Atmosphäre, mit Champagner und Zukunftsvisionen. Kühn prophezeit also der "Bücherfreund" den "Phonographismus", der seine Enkel in allen Lebenslagen begleiten werde, dass Bibliotheken zu "Phonographotheken" umgebaut werden würden mit zahllosen Zylindern im Westentaschenformat, auf denen sich der eingelesene Dumas oder Dickens befände. Und dass es in den Städten öffentliche Literatur-Versorgungsstellen geben werde mit "Hörschläuchen" für bildungshungrige Passantenohren. 

"Ob zu Hause, auf der Promenade oder bei Spaziergängen durch sehenswerte und malerische Orte: Die glücklichen Hörer werden das unbeschreibliche Vergnügen haben, Ertüchtigung und Bildung vereinen zu können, gleichzeitig Muskeln und Geist zu nähren, denn natürlich gäbe es Phonooperagraphen im Taschenformat, die bei Wanderungen in den Alpen oder durch die Canyons des Colorado River von Nutzen sind."

Zitat aus Das Ende der Bücher

"Das Ende der Bücher", so der effektvolle Titel des knappen Essays, heißt bei Uzanne jedoch nicht: das Ende ALLER Bücher, sondern das Ende des Leitmediums Buch in seiner Omnipräsenz. Und heißt vor allem: Hinwendung zu den audiovisuellen Medien, dafür designt, sich körpernah an den modernen mobilen Menschen anzupassen. So weit, so beeindruckend richtig liegt der Dandy und Buchliebhaber mit seiner Prognose! Dass Uzanne sich nicht blamiert mit seiner erstaunlich treffenden Vision, die uns sofort an Hörbücher, Podcasts, Push-News-Dienste und Heimkino denken lässt, sei der Fall, gerade weil Uzanne so "biblioman" und so paradox gewesen sei, erfährt man in den Erläuterungen des Literaturwissenschaftlers Jochen Hörisch, die als Bonus dem Essay folgen.

"Er ist Dandy und Antisemit, er ist unverheirateter Frauenbewunderer mit Obsession für Damenfächer und misogyn mit Sympathie für die Frauenemanzipation. (…) Er ist Alteuropäer und Freund der neuen US-Welt. Er ist Reaktionär und Fan moderner Medientechnik."

Zitat aus Das Ende der Bücher

Angesichts dieser Dosis von Widersprüchlichkeiten verwundert es nicht, dass Uzanne, der bibliophile Buchskeptiker, sich zwar bereits den Heimfernseher als "Illustrator" des täglichen, ungeschminkten, grausamen Lebens imaginieren konnte, sich im Gegenzug aber ungern eine Welt ohne Bedienstete vorstellen wollte. Apropos grausam und paradox: Friedhelm Ptok, einer der renommiertesten Hörbuch- und Hörspielsprecher, erlernte noch jung die Kunst des Buchdrucks; doch in den letzten Jahren ist er vor allem berühmt durch seine Synchronrolle als Star-Wars-Imperator Palpatine. Diese Melange hätte Octave Uzanne sicher gefallen.

"Das Ende der Bücher" ist auf zwei CDs im Argon Verlag erschienen.


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