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Hörbuch der Woche Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter

Alina Bronskys Spezialität sind starke Frauenfiguren. Die russisch-stämmige Autorin kam in den 90er Jahren nach Deutschland und wurde mit ihrem Debüt "Scherbenpark" bekannt. Auch ihr neuester Roman schöpft aus eigenen Erfahrungen mit Migration und stellt als starke Frau eine tyrannische Großmutter in den Mittelpunkt. Die vollständige Lesung mit Sophie Rois ist Monika von Aufschnaiters Hörbuch der Woche.

Von: Monika von Aufschnaiter

Stand: 21.05.2019

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Nicht, dass du denkst, dass wir tatsächlich Juden sind. Schärft sie mir ein, meine Stirn nach Fieber abtastend, der Opa hat einen Onkel, der hat einen Schwager, der hat eine jüdische Frau. Wegen der sind wir hier. So läuft es. Frag nicht!"

Zitat aus Hörbuch

Die Großmutter in Alina Bronskys neuem Roman ist es gewohnt, sich ihr Schicksal zurechtzubiegen. So gelingt es ihr, mit Mann und Enkel aus der Sowjetunion nach Deutschland zu flüchten – wo sie nicht so recht aufhören kann mit dem Zurechtbiegen: Vor allem ihr Enkel Maxim beugt sich Tag für Tag der tyrannischen Fürsorge seiner Großmutter, die den Jungen für einen lebensunfähigen Krüppel hält.

"Wie kann man so ein Geschöpf aus dem Haus lassen? Ich kann es kaum verantworten. Er kann kaum was verdauen und die Klassenkameraden werden Hackfleisch aus ihm machen, was meinen Sie?"

Zitat aus Hörbuch

Die wahnhaft-exaltierte Babuschka gelingt Sophie Rois in dieser vollständigen Lesung meisterhaft. Genauso perfekt trifft sie den naiven Tonfall des Enkels Maxim, der diese Geschichte aus der Perspektive eines unwissenden, aber ganz und gar nicht dummen Kindes erzählt. Denn Maxim bekommt rasch mit, dass sein Großvater Dschingis eine Affäre mit seiner Klavierlehrerin Nina hat – und dass die Großmutter hinter ihrer Fassade neurotischer Hyperaktivität eine tieftraurige Frau ist, die alles verloren hat: Ihre Tochter, ihre Karriere als Tänzerin, ihre Heimat – und ihren Mann.

"Je mehr sich Ninas Zuhause wie das zweite Zuhause meines Großvaters anfühlte, desto schwindliger wurde mir bei dem Gedanken, dass es für jedes Leben mehr als eine Version gab. Vielleicht war es theoretisch auch für mich möglich, etwas Anderes als pürierten Blumenkohl zu schlürfen und die Großmutter beim Flechten ihres Zopfes zu beobachten."

Zitat aus Hörbuch

Sophie Rois holt aus der sprachlich brillanten Vorlage und den einprägsamen Charakteren das Maximum heraus. Als Großmutter flucht sie schon mal kreischend, mit Schaum vor dem Mund – trifft dann aber wenn nötig auch die leisen Töne der Verzweiflung und Resignation. Diese Bandbreite bringt die Schauspielerin auch bei der Interpretation des Enkels zum Einsatz und verleiht den Figuren dadurch eine mitunter fast schmerzhafte Intensität; wohltuend abgemildert durch den knochentrockenen Humor, der in diesem Text eine wichtige Rolle spielt.

"Der Großvater stand immer noch im Türrahmen und rührte sich nicht. Ich fragte mich, ob man gleichzeitig tot sein und aufrecht stehen konnte. 'Mann ohne Hirn!' schrie meine Großmutter, 'Hast du deine Autoschlüssel? Die Frau kommt nieder, na los!"

Zitat aus Hörbuch

Alina Bronskys Migrations-Patchwork-Tragikomödie mit dem Titel "Der Zopf meiner Großmutter" fesselt bis zuletzt durch die Unmittelbarkeit der Sprache, die originellen Charaktere und durch die mitreißende Lesung mit Sophie Rois. Ihre im positiven Sinne radikale Interpretation fordert in jedem Moment volle Aufmerksamkeit und beschert dem Hörer eine unvergessliche Achterbahnfahrt der Gefühle.

Alina Bronsky: "Der Zopf meiner Großmutter", vollständig gelesen von Sophie Rois, ist auf
4 CDs bei Tacheles/Roofmusic erschienen.


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