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Hörbuch der Woche Alexander Kluge: "Das neue Alphabet"

Er ist Jurist, Buchautor, Filmemacher, Fernsehproduzent mit eigener Produktionsfirma, legendärer Interviewer und seit einigen Jahren auch Hörspielmacher. 2010 wurde die Hörspielbearbeitung seiner Geschichtensammlung "Chronik der Gefühle" mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Der häufig genreübergreifend tätige Kluge hat jetzt eine für das Berliner Haus der Kulturen der Welt kuratierte Ausstellungseröffnung auch als Hörspiel umgesetzt. "Das neue Alphabet", Ende 2019 vom Bayerischen Rundfunk konzipiert, erscheint am Montag, 14. September beim Hörverlag auf CD.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 11.09.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Wenn das neue Hörspiel von Alexander Kluge mit einem eigens komponierten Popsong des Singer-Songwriters Jeb Loy Nichols beginnt, ist das nur folgerichtig, denn auch das Hörspiel selbst ist eigentlich Pop – ein Cut-Up aus Interviewschnipseln, literarischen Zitaten, kurzen Szenen, Diabeschriftungen und Soundscapes. Der Titel "Das neue Alphabet" lässt sich als DNA abkürzen, und tatsächlich legt Alexander Kluge hier das frei, was ihn im Innersten antreibt. Die "Kritische Theorie" der Philosophen Adorno und Horckheimer beispielsweise und deren Aufsätze zur "Dialektik der Aufklärung".

"Aufklärung ist nicht einfach: wir gewöhnen uns die Religionen und die Mythen ab, sondern wir nehmen die Kraft von Menschen, die in den Mythen steckt und wenden sie zur Besiegung der Mythen der Jetztzeit, ja. Die Jetztzeit ist viel mythischer, ja, als alle Vergangenheiten zusammen. Das ist der Kern der 'Kritischen Theorie', deren Poet ich bin, also ich bin Hofpoet dort."

Zitat aus Das neue Alphabet

Und die Gebiete, die der Hofpoet der Aufklärung in diesem Hörspiel abdeckt, sind enorm: Von A wie Adorno, Aufklärung und Algorithmus, bis Z wie Zufallswolken. Kluge erzählt die Erdgeschichte im Zeitraffer, beschäftigt sich mit dem Mikro- und Makrokosmos, mit dem Mythos der Engel, den 90.000 Zetteln den Philosophen Niklas Luhmann oder der Tatsache, dass London immer mehr in die Tiefe wächst. Wir stoppen kurz beim Buchstaben H wie "Holz".

"Holz wächst grün / und vergeht im Moor. / Wird als Torf gestochen / und zu Kohle geschmort. / Wärmt die Kinderstube in der kalten Zeit. / Prägt auch die Charaktere."

Zitat aus Das neue Alphabet

Die Stimmen von Katja Bürkle, Peter Fricke, Stefan Merki, von Alexander Kluge selbst und vielen anderen sorgen für ein eindrückliches Hörerlebnis, das immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Regisseur Karl Bruckmaier lässt die Sprecher zurückhaltend agieren und schafft es gerade dadurch, dass man diesem Kaleidoskop aus Geschichten, Klängen und Informationen gerne zuhört. Er hat auch aus einem langen Interview ein Porträt Alexander Kluges destilliert, das dessen Lebenslauf nachzeichnet als einen, der sich vor allem in der Zusammenarbeit mit anderen verwirklicht.

"Das ist das, was ich kann. Und das, was ich gerne tue. Das beruht aber auf Reduktion des Autoren. Also nicht: möglichst laut sage ich das, was ich denke, sondern: möglichst empfindlich höre ich zu oder helfe zu verwirklichen, was die anderen wollen."

Zitat aus Das neue Alphabet

Auch bei diesem Hörbuch lohnt es sich, genau hinzuhören. Denn selbst wenn nur Beschriftungen aus Kluges Diasammlung vorgelesen werden, kann sich da mittendrin ein Aphorismus verstecken.

"Abbildung: Schneelandschaft im Engadin, Foto von Gerhard Richter; Abbildung: Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten."

Zitat aus Das neue Alphabet

"Das neue Alphabet“ von Alexander Kluge wird am Montag auf 3 CDs beim Hörverlag erscheinen.


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