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Hörbuch der Woche Alem Grabovac: "Das Achte Kind"

Alem Grabovac ist Autor und Journalist und schreibt für verschiedene Zeitungen, unter anderem die "taz" und die "Welt". In seinem ersten Roman "Das achte Kind" erzählt er, wie er als Kind einer kroatischen Mutter in einer deutschen Pflegefamilie aufwuchs und damit von Geburt an in verschiedenen Welten groß wurde. Sein autobiografischer Roman wurde nun als Hörbuch veröffentlicht, eingelesen von Fabian Busch – für Annegret Arnold das Hörbuch der Woche.

Von: Annegret Arnold

Stand: 03.05.2021

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Ich kam am 2. Januar 1974 um 17:13 Uhr im Würzburger Universitätsklinikum zur Welt. Mein Vater hatte stundenlang im Flur gewartet und bereits Unmengen säuerlichen Krankenhauskaffees aus dem Automaten getrunken, der seinem Magen allmählich zu schaffen machte."

Zitat aus Hörbuch

Als Alem Grabovac Mitte der 70er-Jahre zur Welt kommt, hat es seine Mutter Smilja nicht leicht. Als sogenannte "Gastarbeiterin" von Jugoslawien nach Deutschland gekommen, hat sie kaum Geld und muss nach ihrem sechswöchigen Mutterschutz zurück in die Fabrik. Was aber soll sie dann mit Ihrem Kind machen? Auf ihren Mann, der immer wieder nächtelang verschwindet, klaut und säuft, kann sie nicht zählen. Eine Kollegin gibt Smilja den Tipp, Alem in eine Pflegefamilie zu geben.

"Du gibst Dein Kind nicht weg. Es bleibt immer noch Deins, aber unter der Woche kannst Du arbeiten. Bei solchen Männern müssen wir sehen, wie wir uns helfen. Verstehst Du Smilja?"

Zitat aus Hörbuch

Es ist eine packende, weit verzweigte Lebensgeschichte, die Alem Grabovac in seinem Roman "Das Achte Kind" erzählt. Es ist seine eigene Familiengeschichte und das macht die Sache besonders pikant, denn ohne diesen autobiografischen Hintergrund hätte man viele Wendungen und Details in dieser Erzählung als übertrieben empfunden. Da gibt es beispielsweise gleich drei Väter, die mit ihrer extremen Lebens- und Sichtweise Alems Leben prägen. Zum einen den leiblichen Vater, der manchmal zwar ein Charmeur sein kann, seiner Mutter aber an Leid und Sorge nichts erspart und sich aus dem Staub macht, als Alem noch sehr klein ist. Zum anderen sein Pflegevater, der ihn zwar immer liebevoll behandelt, sich aber irgendwann als Nazi entpuppt. Und zum dritten der neue Mann seiner Mutter, sein Stiefvater, der Alem misshandelt, wenn der Junge an den Wochenenden seine leibliche Mutter besucht.

"Er beugte sich über den Tisch, schmiss dabei eine Bierflasche um und scheuerte mir seine Hand mit solcher Kraft ins Gesicht, das ich von der Sitzbank auf den Boden flog. Er stand auf, lief zum Kleiderschrank, holte seinen braunen Ledergürtel und schrie: 'Werden wir ja gleich sehen wie mutig Du bist Du kleines Stück Scheiße.'"

Zitat aus Hörbuch

Zurückgenommen, ungeschönt, ohne jede Wertung beschreibt Alem Grabovac die Welten, in denen er aufwächst – die als achtes Kind in seiner deutschen Pflegefamilie, die bei seiner leiblichen Mutter und auch die seiner jugoslawischen Verwandtschaft, die er in Urlaubsreisen in ihren bettelarmen Dörfern im Hinterland besucht. Ein Aufwachsen zwischen "Bravo" und Sauerbraten, gefüllter Paprika und Tito, ein Aufwachsen, das viele Extreme vereint und uns vor Augen hält, wie verdammt hart das Leben vieler Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gewesen ist.

Als Hörbuch eingelesen wurde "Das Achte Kind" von dem Schauspieler Fabian Busch. Busch, der aus zahlreichen Filmen bekannt ist und als Sprecher schon vielen Romanen seine Stimme geliehen hat, schafft es Grabovac' Erzählung so zu nehmen, dass sie einerseits den Charme der neutralen Berichterstattung behält, andererseits jedoch sehr lebendig wird. Dank seiner freundlichen, klaren Stimme und der behutsamen Interpretation wurde dieser Roman hörbar gemacht wie er geschrieben wurde - schnörkellos.

"In den überfüllten Waggons war es trotz der geöffneten Fenster heiß und stickig. Während der Fahrt wurde ständig gegessen und getrunken. Es stank nach Käse, hart gekochten Eiern, Schinken, Salami, Bier, Schnaps und Schweiß."

Zitat aus Hörbuch

"Das Achte Kind" ist eine aufrüttelnde, hörenswerte Lesung und zwar nicht nur, weil diese sehr private Erzählung spannend ist und Einblick in die deutsche und jugoslawische Geschichte bietet, sondern vor allem, weil man den Eindruck hat, dass Alem Grabovac den Menschen, die seinem Leben mitunter sehr zugesetzt haben, verziehen hat. Das kann man in jedem Satz spüren.

Die rund sechsstündige Lesung "Das Achte Kind" ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.


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