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Hörbuch der Woche Abbas Khider: "Palast der Miserablen"

Wieder schreibt Abbas Khider in seinem 5. Roman über den Irak. Schonungslos erzählt er darin von einem Heranwachsenden während der Golfkriegsjahre und des Wirtschaftsembargos gegen den Irak, sowie von Haft, Folter und Flucht. Es gibt Parallelen zu seiner Biographie: Khider selbst wurde mit 19 im Irak verhaftet. Zwei Jahre musste er in den Gefängnissen Bagdads aushalten. Nach seiner Flucht aus dem Irak kam Khider nach Deutschland. Er studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und schreibt in seinem eigenen Abbas Khider-Sound, der in dem Hörbuch der Woche gut zu hören ist.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 20.03.2020

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Wer von ihnen wäre bereit, mich zu verstecken?
Keiner, Hundertprozentig, keiner. Alle haben Angst in diesem Land der unterirdischen Kerker."

Zitat aus Palast der Miserablen

Das "Land der unterirdischen Kerker" ist der Irak in den 1980er und 90er Jahren. Der junge Shams erzählt seine Geschichte und die seiner Familie in Rückblicken. Shams' Familie flieht 1991 aus dem Süden des Landes nach Bagdad in das Viertel Saddam City. Sie wollen dem Schiitenaufstand und danach dem Völkermord entkommen und landen in dem "Blechviertel", direkt neben großen Müllbergen. Hinter sich lassen sie die beiden Golfkriege mit zahlreichen Luftangriffen auf ihr Dorf:

"Es war unendlich traurig wegzugehen und alles hinter sich zu lassen. Die kaputte Schule, in der wir mit unseren Freunden gesessen hatten, unser Haus mit den abgewetzten Mauern und der klemmenden Haustür, unsere Freunde, die Nachbarn, die alte Katzenfrau, das Teehaus, die Tauben, Ziegen, Esel, Hühner und den erfrischenden Ziehbrunnen."

Zitat aus Palast der Miserablen

Das ist die eine Erzählebene des Romans, in der Shams als Heranwachsender mit all seiner Verzweiflung, aber auch seiner Hoffnung spricht. Das Junge, Leichte und Naive dieser Figur drückt der 32-jährige Schauspieler Torsten Flassig, Ensemblemitglied im Schauspiel Frankfurt, gekonnt aus. Besonders überzeugt Flassig auch im zweiten Erzählstrang, der die Ausweglosigkeit des Protagonisten auf fast unerträgliche Weise offenbart. Shams ist als Inhaftierter in einem Folter-Gefängnis in Bagdad am Ende seiner Kräfte. Das Gebrochene, Müde und Kraftlose schwingen in Flassigs Stimme mit. So heben sich im Hörbuch diese beiden Erzählstränge auch akustisch voneinander ab.

"Ich bin zurück in der Zelle und lege mich auf die Matratze. Langsam kommen die Schmerzen. Die Wirkung des Betäubungsmittels lässt nach. Ich stehe auf, Sitzen ist schwierig, Liegen ist unangenehm. Was soll ich jetzt machen? Stehen ist nicht viel besser. In allen Lagen schmerzt es."

Zitat aus Palast der Miserablen

Der inhaftierte Ich-Erzähler Shams leidet nach brutalster Folter mit einer Glasflasche unter einer Analthrombose. Die Details der körperlichen Verletzungen im langsamen Lesetempo lassen die Schwere spüren und sind kaum zu ertragen. Abbas Khider entführt aber auch, beim Blick zurück, in die Zeit vor der Haft, in die Welt der Literatur. Shams entdeckt den Büchermarkt in Saddam City als Fluchtort in der Diktatur.

"Die Motanabi-Straße war nicht einfach nur ein Treffpunkt der Buchhändler, Schriftsteller, Kritiker, Journalisten, Studenten und eifrigen Leser, sondern war auch ein Ort, der wie ein Paralleluniversum zu Bagdad wirkte - als träte man durch ein magisches Portal aus der chaotischen, lauten und harten Stadt hinaus in einen zauberhaften Garten, voll Ruhe und Harmonie, wo Buchstaben wie Insekten durch die Luft schwebten und literarische Wesen wie Einhörner zum Leben erweckt wurden."

Zitat aus Palast der Miserablen

Doch leider ist es nur ein kurzer Ruheort für den Ich-Erzähler und seinen Literaturkreis:

"Das also waren wir: Acht Literaturbegeisterte in der Wohnung eines Blinden: Der Palast der Miserablen."

Zitat aus Palast der Miserablen

Gerade diese Literatur wird ihm nämlich zum Verhängnis. Shams kommt in Haft, weil er verbotene schiitische Bücher verkauft. Der Schauspieler Torsten Flassig lässt die unterschiedlichen Stimmungen im Hörbuch sensibel erklingen, die zugleich anziehen und abstoßen. Ein Hörbuch, das unter die Haut geht. "Palast der Miserablen" von Abbas Khider, gelesen von Torsten Flassig, ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.


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