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Hörbuch der Woche "1984" von George Orwell

2020 wird wohl in die Literaturgeschichte als das Jahr eingehen, in dem der britische Autor George Orwell in Deutschland eine große Renaissance erlebte. Der Grund: die Rechte an Orwell-Werken werden 2021 frei und Orwells berühmtestes Werk "1984" wird von gleich acht renommierten Verlagen neu herausgegeben, jeweils in einer eigens erarbeiteten Neuübersetzung. Zwei davon sind auch schon als Hörbücher erschienen. Bernhard Jugel mit einem Hörbuchvergleich.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 01.02.2021

Illustration: Buch und Kopfhörer mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Im Flur roch es nach gekochtem Kohl und alten Lumpenmatten. An einem Ende war ein farbiges Plakat, für drinnen eigentlich zu groß, an die Wand geheftet. (…) Es war eines jener Bilder, die so gestaltet sind, dass einem die Augen überallhin folgten. DER GROSSE BRUDER HAT DICH IM BLICK stand darunter."

Zitat aus 1984

Ein Ausschnitt aus dem Anfang von "1984", gelesen von Axel Wostry - auch im Bayerischen Rundfunk häufig als Sprecher zu hören - und übersetzt von Eike Schönfeld. Der mehrfach preisgekrönte Übersetzer bleibt nah am Original – und wenn er "Big brother is watching you" mit "Der große Bruder hat dich im Blick" übersetzt, ist diese etwas ältliche Formulierung gleichzeitig ein Verweis auf die Entstehungszeit des Romans vor über siebzig Jahren. Die 1984-Version des Übersetzers Lutz W. Wolff dagegen ist freier, lockerer, aber nicht so präzise. "Rag mats" sind bei ihm nicht "Lumpenmatten", sondern "Fußabtreter" und George Orwells berühmtesten Satz belässt er im Original. Wolffs Version liest der als Hauptdarsteller der TV-Serie "Stromberg" bekannt gewordene Christoph Maria Herbst.

"Im Hausflur roch es nach Kohl und alten Fußabtretern. Am anderen Ende hing ein farbiges Plakat an der Wand, das eigentlich zu groß für einen Innenraum war. Es war eins dieser Bilder, die so angelegt sind, dass einen die Augen überallhin zu verfolgen scheinen. Die Bildunterschrift lautete: BIG BROTHER IS WATCHING YOU."

Zitat aus 1984  

Hier klingen Wostry und Herbst noch ähnlich – doch bald entwickelt sich ihre Textgestaltung völlig unterschiedlich. Axel Wostry setzt auf die Wirkung der Worte, auf subtile Nuancierungen, die der Phantasie viel Raum lassen. Christoph Maria Herbst setzt auf Rollenspiel und großes Hörkino, neigt aber zur klischeehaften Übertreibung. Am deutlichsten hört man den Unterschied gegen Ende des Romans. Die illegale Liebesaffäre von Winston und Julia ist aufgeflogen und Winston wird gefoltert und umerzogen.

"'Was habt ihr mit Julia gemacht?', sagte Winston.
Wieder lächelte O'Brien. 'Sie hat dich verraten, Winston. Sofort – rückhaltlos.'
'Ihr habt sie gefoltert.'
Das ließ O'Brien unbeantwortet. 'Nächste Frage', sagte er."

Zitat aus 1984

"'Gibt es den Großen Bruder?'
'Natürlich gibt es ihn. Die Partei gibt es ja auch. Der große Bruder ist die Verkörperung der Partei.'
'Aber existiert er auch so, wie ich existiere?'
'Du existierst nicht', sagte O'Brien."

Zitat aus 1984

Sprechkunst oder Hörkino – Axel Wostry oder Christoph Maria Herbst?

Wer die eher kühl temperierte Lesung Axel Wostrys der Münchner Hörbuch-Manufaktur cc-live bevorzugt, bekommt coole Musik dazu. Leonhard Kuhn von der Jazzrausch Bigband hat elektronische Vignetten zwischen die Kapitel gestreut. Christoph Maria Herbsts überbordende Performance bei Random House Audio wird durch ein kluges Vorwort des Grünen-Politikers Robert Habeck ergänzt. Der sieht in George Orwells "Neusprech" und "Doppeldenk" Vorboten aktueller gesellschaftlicher Phänomene:

"Heute nennt man das 'alternative Fakten' oder 'fake news', aber der Mechanismus ist der gleiche: die Wahrheit als Basis einer gemeinsam geteilten und interpretierten Wirklichkeit wird zerstört."

Zitat Grünen-Politiker Robert Habeck


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