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Neues vom Buchmarkt "Über Menschen" und "Solikante Solo"

Geschichten über die Flucht aus der Großstadt, über das Hinausgehen aufs Land, sind in diesem Frühjahr durchaus in mehreren Romanen zu finden. Nicht nur in Juli Zehs neuem Roman "Über Menschen", der erst vor kurzem erschienen ist und sofort die Bestsellerlisten anführte und noch immer anführt, geht es um eine junge Frau, die aus Berlin nach Brandenburg zieht und dort eine verstörende Erfahrung macht. Auch Björn Kern erzählt in seinem gerade erschienenen Roman "Solikante Solo" von einem Wechsel aus der Großstadt Berlin ins verlassene Hinterland und den damit einhergehenden privaten Tragödien.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 28.04.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Über Menschen" von Juli Zeh

Was ist der Mensch? Ein Wesen, das Krach macht und nicht zuhören kann, schrieb Kurt Tucholsky einst in einem legendären satirischen Text. Man könne, schreibt er weiter, den Menschen geradezu definieren als ein Wesen, das nie zuhört. Oder als eines, möchte man heute Tucholsky ergänzen, als eines, das viel lieber selber redet. Dora, die Heldin aus Juli Zehs aktuellem Roman "Über Menschen", hat lange genug mit Menschen zu tun gehabt, die lieber selber reden. Vor den Monologen ihres weltverbessernden Freundes ist sie aus Berlin geflohen, in ein Kaff in Brandenburg. Was willst du denn da, haben vorher noch alle gesagt, was willst du denn bei den Nazis? Und dann steht ihr auf der anderen Seite der Mauer, die ihr verwildertes Grundstück begrenzt, doch tatsächlich der gegenüber, vor dem die Menschen aus ihrem alten Umfeld sie alle gewarnt haben.

"Und sie hat immer gesagt, so schlimm ist es aber nicht und es ist alles ganz anders, und nun hat sie aber tatsächlich hinter der Mauer einen, der sich sogar so vorstellt, und das ist die Begegnung, an der sie reifen muss."

Zitat aus Über Menschen

"Über Menschen" ist die Geschichte einer Zumutung. Dora sieht sich zunächst der Zumutung ausgesetzt, dass ihr Nachbar im Garten mit Freunden das Horst-Wessel-Lied singt und später der noch viel größeren, dass dieser Nachbar ihr etwas bedeutet - der Nachbar, der sich als Dorf-Nazi bezeichnet und der dafür sorgt, dass sie sich wohl fühlt im Dorf, in ihrer neuen Umgebung. Alles, woran Dora geglaubt hat, wird in Frage gestellt - durch die Anwesenheit eines anderen Menschen, dem sie vorher, in Berlin, in ihrem alten geordneten Leben, nie begegnet wäre. Eine Zumutung auch für die Leserinnen und Leser: hier wird von einem Menschen erzählt, der alles andere als ein Sympathieträger ist, und doch ein Mensch.

"Wir neigen ja eher dazu, dass das eigene Weltbild das Verbindliche ist, faktisch abgesichert und in jeder Hinsicht überzeugend, und dass alle anderen spinnen, verrückt geworden sind, was nicht verstanden haben, einfach blöd sind. Das kann zu Einsamkeit führen, kann auch zu Aggressionen führen; es führt vor allem dazu, dass man sich gegenseitig ziemlich schnell aus den Augen verliert. Und ich glaube, da hat Literatur die … Fähigkeit, dieses große Puzzle aus lauter Subjektivitäten … und letztlich einfach mal daran zu erinnern, dass Wirklichkeit die Summe von Absprachen ist und nicht ein Spielfeld, auf dem wir alle stehen. So ist es leider nicht."

Zitat aus Über Menschen

Juli Zeh über ihren neuen Roman "Über Menschen" - ein Buch, das dazu herausfordert, die vermeintlichen Sicherheiten von Moral und Überzeugung immer wieder an der Wirklichkeit zu messen, an dieser Summe von Absprachen. Ein Buch, das darüber hinaus ein hinreißendes Lese-Abenteuer ist, eine großartig erzählte Geschichte. Erschienen bei Luchterhand.

"Solikante Solo" von Björn Kern

Solikante ist auch so ein Dorf, das von Berlin aus mit dem Nahverkehrszug gut zu erreichen ist. Hier kauft Jann ein verfallenes Gutshaus für sich, seine Freundin und die gemeinsame kleine Tochter. Doch das Gutshaus ist viel zu verfallen, die Menschen im Dorf viel zu seltsam und aus Berliner Sicht zu verbohrt, als dass die kleine Familie dieser Bewährungsprobe standhalten könnte. Ähnlich wie in "Über Menschen" geht es in Björn Kerns neuem Roman "Solikante Solo" um eine Zumutung und darum, dass schon ein kleiner Perspektivwechsel, eine knapp einstündige Bahnfahrt-Entfernung, festgefügte Weltbilder ins Wanken bringen kann. Mit faszinierender Leichtigkeit erzählt und jetzt erschienen bei S. Fischer.


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