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Neues vom Buchmarkt Steffen Kopetzky: Propaganda

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky stammt aus Pfaffenhofen a.d. Ilm und ist in seiner Heimatstadt als parteiloser Kulturreferent tätig. Bundesweit große Beachtung findet derzeit sein neuer Roman "Propaganda". Knut Cordsen stellt ihn vor.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.09.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Risiko" hieß der vorherige Roman Steffen Kopetzkys, und wenn man diesem Schriftsteller eines attestieren kann, dann die wunderbare Eigenschaft, kein Risiko zu scheuen und die großen historischen Stoffe in packende Literatur zu verwandeln.

"Es ist ja so, dass das Erzählen und Wieder-Erzählen der Vergangenheit ein sozialer und künstlerischer Akt in der Gegenwart ist. D.h., das, was mich an den Geschichten reizt, sind die Problemlagen, die wir heute haben. Ich möchte zeigen, wo die Kontinuitäten verlaufen und wie die Vergangenheit, die vergangen scheint, doch bis in unsere Gegenwart hineinreicht. Das finde ich so reizvoll daran."

Zitat Steffen Kopetzky

In "Propaganda" erzählt der 48-jährige Kopetzky von einem Mann namens John Glueck, Er arbeitet im Zweiten Weltkrieg in der Abteilung für Psychologische Kriegsführung und kämpft für die Amerikaner gegen die Deutschen - wohl wissend, dass er deutsche Wurzeln hat. Eben das qualifiziert ihn besonders für den Einsatz.

"Die Kenntnis des Gegners und die Fähigkeit, mit ihm zu kommunizieren, war im Zweiten Weltkrieg ein zentrales Problem und eine zentrale Aufgabe des Militärs. Jemand wie John Glueck, der fließend Deutsch spricht, deutsche Vorfahren hat, war ein Spezialist, den man dringend gebraucht hat für die psychologische Kriegsführung. Aber natürlich auch im unmittelbaren Gefecht waren diese Leute wertvoll, zum Vernehmen von Gefangenen und zur Informationsgewinnung zwischen den Fronten. Ungefähr 25.000 deutschstämmige Soldaten waren im Einsatz an den verschiedensten Stellen. John Glueck war einer von ihnen."

Zitat Steffen Kopetzky

Kopetzkys fiktiver Held nimmt so wie auch Ernest Hemingway und J.D. Salinger 1944/45 an einer der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs teil: an der Schlacht im Hürtgenwald, die 60.000 Menschenleben forderte. Todesfabrik - "Death Factory" - nannten die amerikanischen Soldaten den Hürtgenwald in der Eifel. Woran Hemingway scheiterte - das Grauen dieser Monate in der "Bluteimer"-Division zu schildern - gelingt John Glueck und damit seinem Schöpfer Steffen Kopetzky auf ergreifende Art und Weise. Doch Kopetzky schafft noch viel mehr. Er läßt seine Hauptfigur Jahrzehnte später auch in einem anderen Waldkrieg kämpfen, im Urwald Vietnams – dort muss er miterleben, wie die Amerikaner ihrer eigenen Propaganda-Maschinerie aufsitzen und ihre Freiheitsideale in einem schmutzigen Krieg verraten. So wird er 1971 zum Mitverschwörer und Whistleblower im Umkreis Daniel Ellsbergs, der durch die Veröffentlichung der "Pentagon-Papiere" Amerika die Augen öffnete.

"Die Pentagon Papers, dieser große erste Leaking-Fall in der Geschichte, ging auf Leute zurück, die grundsätzlich weder antimilitaristisch noch antiamerikanisch waren. Im Gegenteil. Es waren treue Patrioten, die aber sagten: Dieser Krieg läuft falsch. Wir wissen, dass wir uns selbst belügen. Wir können trotzdem nicht aufhören, weil wir einen Medienkrieg führen. Der erste Krieg, der im Fernsehen stattgefunden hat in dieser Breite, war der Vietnamkrieg. Weil wir Opfer sind unserer eigenen Propaganda, müssen wir einschreiten. Letztlich stand dahinter auch dieser Gedanke: Wie kann man eine Demokratie steuern? Das taucht hier wieder auf. Ist es möglich, der Gesellschaft aus sich selbst heraus einen anderen Weg zu geben? Das war die Frage, die Ellsberg beschäftigte. Es war der Versuch, aus der eigenen Falle wieder rauszukommen."

Zitat Steffen Kopetzky

Höchst spannend und erkenntnisstiftend zugleich, das ist Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda". Erschienen ist das Buch für 25 Euro bei Rowohlt Berlin.


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