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Neues vom Buchmarkt "Sepp, jetz geht's dahi" von Peter Dermühl

Gerade jetzt, auf dem Höhepunkt der Passionszeit, in der Karwoche, ist die Beschäftigung mit dem Tod tatsächlich auch im Alltag zu finden. Kreuzgang, Passionsmusik, die Farbe Schwarz ist gegenwärtig. Es gab aber durchaus eine Zeit, gerade hier in Bayern, da war der Tod zu jeder Jahreszeit zugegen. Eine kleine bayerische Kulturgeschichte vom Tod, verfasst von Peter Dermühl, ist in diesem Frühjahr unter dem Titel "Sepp, jetz geht's dahi" im Volk Verlag erschienen. Sabine Zaplin hat das Buch gelesen.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 17.04.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Der Tod ist ein Thema, das im Alltag des Gegenwartsmenschen lieber verdrängt oder bestenfalls an Spezialisten delegiert wird. Das war nicht immer so. Unsere Vorfahren hierzulande, die im Spätmittelalter und mit Unterbrechungen bis ins 18. Jahrhundert hinein mit der Pest, mit Naturkatastrophen und der damit einhergehenden Armut zu kämpfen hatten, pflegten einen wesentlich direkteren Umgang mit dem Gevatter Tod, wie ein altes Märchen ihn nennt. Zeugnis davon geben die Geschichten des niederbayerischen Pfarrers Josef Schlicht, der beispielsweise von einem Bauern erzählt, der sich zum Sterben hingelegt hat und darum seinen besten Freund zu sich rief.

"Kurz darauf schickte der vermeintlich Sterbende den Freund wieder weg mit den Worten: 'Sepp, lass `bleim. I glaub, der Herrgott hat mi überbladld.' Anderntags aber spürte der Bauer erneut sein Ende nahen, rief wieder nach dem Nachbarn und trieb ihn mit letzter Kraft an: 'Sepp, jetz geht’s dahi. Jetz les` sua, wosd` konnst.'"

Zitat aus Buch

So schnell, wie er nur könne, soll der Freund nun dem Sterbenden aus dem Gebetsbuch vorlesen. Die Geschichte findet sich in einem kleinen Büchlein, das in diesem Frühjahr beim Münchner Volk Verlag erschienen ist unter dem Titel "Sepp, jetz geht’s dahi". Darin erzählt der Dokumentarfilmer und Autor Peter Dermühl von bayerischen Ritualen und Bräuchen im Umgang mit Sterben und Tod. Am Beispiel des sterbenden Bauern im Niederbayerischen wird die Funktion der Dorfgemeinschaft sehr anschaulich.

"Der Kooperator - wie früher Priester genannt wurden, die noch keine Pfarrei übernommen hatten - trieb einen Ministranten auf. Der hatte noch schnell die kleine, hellklingende Glocke der Pfarrkirche geläutet. Nun wusste die ganze Gemeinde, dass da einer am Heimgehen war."

Zitat aus Buch

Der Geistliche ging, um den Sterbenden zu salben. Versehgang, nannte man einst diese Handlung. Und die vom Sterbeglöckchen Wachgerüttelten nahmen daran teil.

"Noch am Sonntag, vor drei Wochen, hatte der Pfarrer von der Kanzel herab den Hirtenbrief des Bischofs verlesen, worin stand, dass bei Begleitung eines Versehgangs ein Ablass der Sünden für einen Monat erteilt werde."

Zitat aus Buch

Pragmatisch war er durchaus einst, der Umgang mit dem Sterben. Davon erzählt nicht zuletzt die "Geschichte vom Brandner Kasper", der den Boandlkramer, den Tod, beim Kartenspiel einen Aufschub abluchst. Aber es gab auch andere, weniger deutlich erkennbare Todesboten als den leibhaftig zum Abholen an der Tür klopfenden Boandlkramer.

"So glaubten die Menschen im bayerischen Alpenland und in Nordtirol fest daran, dass einer, der am Heiligen Abend beim Lichtanzünden seinen Schatten nicht sieht, binnen eines Jahres sterben müsse. Sogar beim Nüsseknacken musste man im Süden Deutschlands auf der Hut sein. Denn wer als erster eine taube Nuss öffnete - dessen Tage waren gezählt."

Zitat aus Buch

Was diese kleine, hervorragend erzählte bayerische Kulturgeschichte von Peter Dermühl so besonders macht, ist die Perspektive. Hier schreibt jemand, der von heute aus mit Interesse auf das schaut, was die althergebrachten Traditionen der Gegenwart geben können: die Gewissheit, dass der Tod zum Leben gehört, und zwar mitten hinein.


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