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Neues vom Buchmarkt "Die Schauspielerin" und "Nach Mattias"

Schreibanlässe gibt es viele. Die Erinnerung an einen Verstorbenen und dessen Abwesenheit ist einer, den Schriftsteller gern als dramaturgischen Motor nutzen. Zwei Roman-Neuerscheinungen, die von Menschen erzählen, die sich über ihre Beziehung zu einem Abwesenden positionieren und zu definieren versuchen, stellt Sabine Zaplin im folgenden Beitrag vor: "Nach Mattias" von Peter Zantingh und den neuen Roman der Booker-Preisträgerin Anne Enright, "Die Schauspielerin".

Von: Sabine Zaplin

Stand: 01.04.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

In Zeiten von Kontaktsperren sind wir auf uns zurückgeworfen und auf unsere Erinnerungen aneinander. Nicht jede, nicht jeden kann man sich per Skype oder Facetime ins Wohnzimmer zuschalten. Für gesellschaftlichen Umgang muss man sich neue Formen überlegen. Die Literatur macht vor, wie das gehen kann. Ein großes Thema im Roman ist die Erinnerung an Abwesende, das erzählerische Heraufbeschwören von Menschen, die nicht mehr zugegen sind.

"Die Schauspielerin" von Anne Enright

"Die Leute fragen mich: 'Wie war sie?', und ich versuche zu verstehen, was genau sie damit meinen. Wie war sie als normaler Mensch, wenn sie Pantoffeln trug und Marmeladentoast aß? Als Mutter, als Schauspielerin?"

Zitat aus Die Schauspielerin

"Die Schauspielerin" heißt der neue Roman von Anne Enright. Darin lässt die irische Schriftstellerin ihre Ich-Erzählerin Norah sich erinnern an die eigene Mutter, eine Schauspielerin, die es schaffte, von irischen Provinzbühnen bis nach Hollywood zu kommen.

"Meine Mutter konnte sich mühelos in eine Figur verwandeln und wieder zurück, vor meinen Augen. Sie verschob eine Schulter, senkte die Mundwinkel, veränderte ihren Blick. Ein tiefer töchterlicher Teil von mir amüsierte sich köstlich dabei."

Zitat aus Die Schauspielerin

Doch es gibt auch den anderen Teil dieser Tochter, der sich aus der Distanz zur Mutter definiert. Der zu verstehen versucht, wer diese Mutter hinter all den Bühnen- und Filmrollen ist und warum die größte Schlagzeile, die sie je gemacht hat, die einer Gewalttat war? Sie hatte einem Filmproduzenten in den Fuß geschossen.

"Als der Vorfall sich ereignete, war ich achtundzwanzig. Ich hielt noch ein Jahr oder länger durch, aber dann kam der Tag, an dem ich es nicht zur Arbeit schaffte. Ich behauptete, ein Buch zu schreiben, und dann schrieb ich es wirklich. (…) Aber ich habe nie aufgeschrieben, was danach schrie, aufgeschrieben zu werden: die Geschichte von meiner Mutter und von Boyd O´Neills Wunde."

Zitat aus Die Schauspielerin

Anne Enright versteht es in ihrem bisherigen Werk immer wieder, die Bruchstellen in Familiengefügen aufzudecken. "Das Familientreffen" hieß ihr vor gut 13 Jahren erschienener Roman, für den sie den Booker-Preis erhielt und wo sie meisterhaft die vielen kleinen und großen Verletzungen im Kosmos Familie aufspürt und zu Wegweisern für Tragödien werden lässt. Unmittelbar neben der Gewalt steht bei Anne Enright aber die Zärtlichkeit und Wärme, die ebenfalls in diese gesellschaftliche Urzelle gehören. Und so wird das Buch, das Norah über ihre Mutter schreibt, zu einer brüchigen, reflektierten, immer wieder unterbrochenen und nie ganz eindeutigen Liebeserklärung. "Die Schauspielerin" von Anne Enright ist bei Penguin erschienen.

"Nach Mattias" von Peter Zantingh

Ein Geflecht aus Beziehungen, das sich um einen Abwesenden zieht, erzählt auch der niederländische Autor Peter Zantingh in seinem jetzt bei Diogenes erschienenen Roman "Nach Mattias". In einzelnen, aufeinanderfolgenden Kapiteln erinnern sich acht Menschen an Mattias, dessen plötzlicher Tod sie in eine Zeit des Danach geworfen hat. Da ist Amber, seine Freundin, die dem Schmerz ausgeliefert zu sein scheint. Da ist seine Großmutter, die sich an das letzte Familientreffen erinnert. Und da ist sein Kumpel, der sich auf das Lauftraining stürzt, um auf diese Weise davonzukommen. So entsteht aus den Erinnerungen dieser Hinterbliebenen nach und nach das Bild eines Menschen, der das Leben gefeiert hat. Und genau das ist dieser Roman: eine Feier des Lebens. "Nach Mattias" von Peter Zantingh ist bei Diogenes erschienen.


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