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Neues vom Buchmarkt "Sal" und "Wolfsegg"

Geschichten von Kindern, die in einer brutalen Welt ganz auf sich gestellt sind, sind seit Grimms Märchen bekannt und von Schriftstellern immer wieder neu erzählt worden. In diesem Bücherherbst sind Sabine Zaplin gleich zwei Romane aufgefallen, die sich diesem Thema widmen: "Wolfsegg" von Peter Keglevic und "Sal", ein Debutroman des schottischen Autors Mick Kitson.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 04.09.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Sal" von Mick Kitson

Die Reise hinaus aus der Kindheit ist ohnehin schon beschwerlich genug. Für manche Heranwachsende aber sind die Startbedingungen schlechter als für andere, so dass die Passage hinein ins Erwachsenenleben für sie zum Gipfelanstieg ohne Seil und Schuhe geraten kann. Für Sal ist das beispielsweise so. Sie ist 13 und von zuhause abgehauen, zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Halbschwester Peppa. Abgehauen von ihrer überforderten, alkoholabhängigen Mutter und deren Freund, der Sal seit einiger Zeit missbraucht.

"Als Robert bei mir damit anfing, sagte er, wenn ich irgendwem davon erzähle, selbst Maw, würden sie Peppa und mich holen und trennen. Er sagte, Peppa würde dann in eine Pflegefamilie kommen und von Afrikanern adoptiert, und wir wären nicht mehr zusammen. Aber so weit wird es nie kommen."

Zitat aus Sal

Denn Sal flieht mit der kleinen Peppa in die schottische Wildnis, irgendwo dort, wo der Wald so dicht ist, dass hier auch kein Wanderer sich mehr verirrt. Sal baut für die beiden einen Unterschlupf, macht Feuer und geht auf die Jagd - sie macht alles genau so, wie sie es in YouTube-Videos gelernt hat.

"Aber es war kalt. Die kälteste Nacht, seit wir hier waren. Ich wusste von meinem Kompass, dass der Wind jetzt aus Norden kam und unser Schrägdachunterschlupf ging nach Südosten, weil die Hauptrichtung hier Westen ist. Darum zog der Wind von oben rein, wo wir uns auf Fichtenzweige gelegt hatten. Peppa hatte keine Mütze. Wenn wir erst mal ein Kaninchen gefangen hätten, würde ich ihr eine machen, aber ich hatte die Fallen noch nicht aufgestellt. Ich nahm meine Mütze ab und setzte sie ihr auf."

Zitat aus Sal

Der Roman "Sal" von Mick Kitson ist ein besonderer Debutroman. Der in South Wales geborene Autor, der zunächst als Englischlehrer gearbeitet hat und sich für das Fliegenfischen begeistert, lebt heute in Schottland und kennt die Gegend, in der er seinen ersten Roman angesiedelt hat, ganz ausgezeichnet - was man dem Buch anmerkt. Ebenso gut kennt er sich mit der seelischen Verfasstheit seiner jungen Hauptfigur aus, die er aus der Ich-Perspektive erzählen lässt. Für Sal ist die Flucht vor den Erwachsenen, die zur Bedrohung für sie und ihre kleine Schwester geworden sind, auf der einen Seite ein großes Abenteuer, das es zu bestehen gilt. Andererseits ist sie mit der Situation vollkommen überfordert, was sie vor sich und der Kleinen niemals zugeben würde - und auch das macht die Lage nur noch gefährlicher. Wie Sal sich mehr und mehr mit der sie umgebenden, feindlichen Natur verbindet, wie sie daran wächst und für sich einen Weg findet, mit ihrem Leben zurechtzukommen - dem, dem sie entflieht und dem, das vor ihr liegt - das alles erzählt Mick Kisten auf eine unter die Haut gehende, einfühlsame Weise, der es zu keinem Moment an Spannung fehlt. "Sal" von Mick Kitson, übersetzt von Maria Hummitzsch, ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

"Wolfsegg" von Peter Keglevic

Ebenfalls ganz auf sich gestellt ist die 15-jährige Agnes in Peter Keglevics neuem Roman "Wolfsegg", der jetzt bei Penguin erschienen ist. Die Geschichte des Kindes aus einem engen Bergtal, dessen Familie immer nur verachtet wurde und das nach dem tragischen Tod der Eltern ihre kleinen Geschwister vor einem tristen Leben im Heim retten will, ist so wenig sentimental und dennoch so liebevoll dramatisch, dass man sich der erzählerischen Kraft dieses österreichischen Autors nicht entziehen kann. "Wolfsegg" von Peter Keglevic ist bei Penguin erschienen.


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