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Neues vom Buchmarkt Pascal Mercier: "Das Gewicht der Worte"

Spätestens seit seinem vor gut 15 Jahren erschienenen Bestseller "Nachtzug nach Lissabon" ist der in der Schweiz geborene Schriftsteller Pascal Mercier, der mit bürgerlichem Namen Peter Bieri heißt, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Weniger bekannt ist wiederum, dass Bieri alias Mercier auch als Philosoph arbeitet und sich als solcher mit dem Phänomen des Bewusstseins und dessen Rätselhaftigkeit befasst. Ein bisschen spielt dies auch in seinen neuen Roman mit hinein, der jetzt im Hanser Verlag erschienen ist und den Titel "Das Gewicht der Worte" trägt.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 05.02.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Nichts, so bekennt der Schriftsteller Pascal Mercier in einem Interview, habe ihn als Kind mehr fasziniert als Wörter. Er fand es sehr aufregend zu entdecken, dass es mehrere Sprachen gibt und wäre damals am liebsten Übersetzer geworden. Genau das ist der Beruf von Simon Leyland, der Hauptfigur seines neuen, jetzt bei Hanser erschienenen Romans "Das Gewicht der Worte". Eine Landkarte im Haus seines Onkels hatte die Leidenschaft für Wörter und ihre Wandelbarkeit in Simon Leyland geweckt.

"Eines Tages hing im Wohnzimmer eine große Karte des Mittelmeeres. Er möchte die Sprachen aller Länder können, die ans Mittelmeer grenzten, hatte Leyland plötzlich gesagt. Es war ein spontaner Gedanke gewesen, der ihn selbst überraschte, ein Gedanke, wie ihm später schien, der alles zusammenfasste, was ihm wichtig war, ein Gedanke, in dem sein ganzer Lebenshunger zum Ausdruck kam."

Zitat aus Das Gewicht der Worte

Leyland lernt tatsächlich die Sprachen der Länder rings um das Mittelmeer. Und er lernt die Frau kennen, die seine Leidenschaft für Wörter teilt.

"Felicidad war das einzige Wort, das sie für jene Zeit gelten ließen. Felicità? Zu grell und zu flach, klang nach Bonbonfarben oder billigem Gelato. Bonheur? Zu glatt, zu süßlich, ein Hauch von Parfümerie. Happiness? Niedlich und ließ an die Nippsachen im Hause Leyland denken. Glück? Durch Schlager unwiderruflich verkitscht."

Zitat aus Das Gewicht der Worte

Livia wird Leylands Frau, ihr folgt er nach Triest, der Stadt der vielen Sprachen, wo sie einen Verlag geerbt hat und wo beide ihr Leben in den Sprachen des Mittelmeeres leben.

"Er und Livia - sie hörten an den Wörtern Dinge, die sonst niemand hörte, manchmal kam es ihnen vor, als lebten sie in einem eigenen Klang- und Bedeutungsraum, einem ganz privaten Raum, der für andere verschlossen blieb."

Zitat aus Das Gewicht der Worte

Aus genau diesem Raum werden beide durch das Schicksal verbannt. Livia verstummt eines Tages vollkommen, ein plötzlicher Herztod reißt sie aus der Welt. Und Leyland erhält wenig später eine höchst tragische Diagnose: ein Hirntumor, so eröffnet ihm ein Arzt, werde ihn zunächst seiner Sprache, seiner Wörter berauben und ihm nur noch wenig Zeit zum Leben lassen. Als dies sich als Fehldiagnose herausstellt, hat Leyland schon die Weichen gestellt, hat den Verlag verkauft, hat Triest verlassen und ist nach England zurückgekehrt. Dort, fernab vom Mittelmeer und der Vielsprachigkeit, bleibt ihm schließlich - neben dem zurückgeschenkten Leben - nur eins: die Konzentration auf seine eigene Sprache, den Umgang mit den eigenen Wörtern.

Pascal Mercier hat mit "Das Gewicht der Worte" einen hochphilosophischen Roman über die großen Fragen geschrieben: über die nach dem Sinn und seinem Ausdruck, über die nach Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen und über die nach der Transformation. Das alles legt er über knapp 600 Seiten sehr breit an, wählt verschiedene erzählerische Ebenen und dürfte jene, die seine Leidenschaft für das Gewicht einzelner Worte nicht teilen, hier und da wohl auch ein wenig langweilen. Jenen anderen aber, die sich auf sein verbales Largo einlassen und den Klängen ihre Bedeutung ablauschen können, wird ein nachhaltiges Lektüreerlebnis geschenkt. "Das Gewicht der Worte" von Pascal Mercier ist jetzt bei Hanser erschienen.


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