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Neues vom Buchmarkt "Oder sind es Sterne" und "Unter Wasser Nacht"

Unter den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs sind eine ganze Reihe Debütromane von Frauen. Sabine Zaplin hat sie gelesen und zwei ausgewählt: "Unter Wasser Nacht" von Kristina Hauff und den Roman von Eva Munz mit dem Titel "Oder sind es Sterne". In beiden Büchern geht es um Lebensentwürfe und deren Scheitern, um tragische Verluste und die Suche nach Identität und Heimat.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 17.02.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Oder sind es Sterne"

Es ist das Jahr 2001. Drei Männer suchen Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt. Da ist Sameer, ein Teenager, der in einem Waisenhaus in Kabul aufwächst.

"Manchmal wünschte ich mir, ich wäre unsichtbar und niemand könnte mein rotes Teufelshaar oder meine Sommersprossen sehen, niemand würde seinen Blick von meinen grünen Augen abwenden müssen. Ich wünschte, niemand könnte erkennen, dass ich der Sohn einer Hure bin, die sich von einem sowjetischen Drecksschwein hat nehmen lassen."

Zitat aus Oder sind es Sterne

Da ist Hasir, der vermögende Exil-Afghane, der in seiner Pariser Wohnung die zuvor von ihm aufgegabelte Frau erwischt, wie sie in einem seiner Fotoalben blättert.

"'Wo ist das?' - Afghanistan. Sie fährt mit dem Finger über das Foto. Es sei ein Waisenhaus, das du finanziell unterstützt. Du erwähnst nicht, dass der Junge mit den roten Haaren und den Sommersprossen auf dem Bild dein Neffe ist."

Zitat aus Oder sind es Sterne

Und da ist Leutnant Ryder. Marine, Teil einer Elite-Einheit, die sich in New Mexico auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet.

"Ryder schnappt sich die Fernbedienung und dreht den Ton auf. Worte der Verzweiflung, Ohnmacht und scharfes Luftholen begleiten jetzt die Bilder. Keine Musik. Da fällt Ryder auf, dass es noch keinen einzigen Schnitt gab. 'Das ist kein Film', sagt der Mexikaner, 'ein Flugzeug ist in den Wolkenkratzer reingeflogen.'"

Zitat aus Oder sind es Sterne

2001. Drei Männer, drei Schicksale. "Oder sind es Sterne" heißt das jetzt bei Kunstmann erschienene Romandebüt von Eva Munz. Eva Munz, die an der HFF Spielfilm-Regie studiert und viele Jahre als Regisseurin in verschiedenen Ländern Asiens gearbeitet hat, erzählt in ihrem ersten Roman von Identitätssuche und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit vor dem Hintergrund der politischen Weltereignisse rund um die Attentate auf das World Trade Center. Während der amerikanische Leutnant um einen verunglückten Freund trauert; während der afghanische Teenager davon erfährt, dass seine Mutter in den USA lebt; und während der Exil-Afghane versucht, seine Schwester und ihren einst ins Waisenheim gegebenen Sohn zusammenzubringen. Während diese drei Hauptfiguren sich bemühen, mit ihren privaten Tragödien zurechtzukommen, läuft wie ein Soundtrack dieses Jahres immer wieder irgendwo in ihrer Nähe der Song "Survivor" von Destiny´s Child. Er wird auch den Klang jener Drohne begleiten, die über dem Hindukusch aufsteigt - dort, wo die drei Schicksalsfäden schließlich zusammenlaufen.

Mit "Oder sind es Sterne" ist Eva Munz ein sprachgewaltiges Debüt gelungen, das aus drei ganz verschieden gestalteten Perspektiven erzählt ist und vor allem durch seine außergewöhnlichen Bilder und die dadurch entstehende Atmosphäre überzeugt.

"Oder sind es Sterne" von Eva Munz ist jetzt bei Kunstmann erschienen.

"Unter Wasser Nacht"

Eine nicht minder bildreiche, atmosphärisch dichte Geschichte erzählt Kristina Hauff in ihrem gerade bei hanserblau herausgekommenen Roman „Unter Wasser Nacht“. Sie siedelt das Geschehen um zwei einst gut befreundete Familien, die das tragische Ertrinken eines der Kinder auseinanderreisst, in den Elbauen des Wendlands an, wo sie während der Arbeit an dem Roman eine Zeit lang gelebt und recherchiert hat. Ein subtiler, ausgezeichnet erzählter Roman.

"Unter Wasser Nacht" von Kristina Hauff, jetzt erschienen bei hanserblau.


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