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Neues vom Buchmarkt "Lied der Weite" und "Lost in Paradise"

Zwei Länder mit uns unbekannten, fast archaisch anmutenden Gesellschaftsmustern und Alltagsstrukturen bieten den Ortshintergrund in den Roman-Neuerscheinungen, die Sabine Zaplin heute vorstellt: "Lied der Weite" des Amerikaners Kent Haruf und "Lost in Paradise" des Isländers Mikael Torfason.

Stand: 24.01.2018

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Die erste Gesellschaft, die ein Mensch erfährt, ist die Familie. Hier lernt er sich durchzusetzen oder nachzugeben, Koalitionen zu bilden oder auch Rangordnungen zu ertragen. In fast jedem Roman steckt immer auch eine Familiengeschichte - und sei es eine Geschichte der Abwesenheit von gängigen familiären Tugenden.

"Mama war verschwunden. Ich weiß noch, dass mein Bruder Ingvi mir zuflüsterte, wir sollten uns nicht umschauen, sonst würden wir zu Salz. 'Salz?' wiederholte ich, noch ziemlich geschwächt neben ihm auf der Rückbank von Papas Wolga."

Zitat aus Lost in Paradise

Mikael, der Ich-Erzähler dieser Geschichte und zugleich der Autor des autobiografischen Romans, ist gerade mal vier Jahre alt, als seine Mutter die Familie verlässt. Eine Familie, die Mikael fast nur vom Krankenbett aus kennt, denn er hat eine lebensbedrohliche Darmkrankheit und muss viel Zeit in der Klinik verbringen. Als Baby wäre er beinahe gestorben, innerlich verblutet. Der Arzt will ihm Transfusionen geben.

"'Ihr gebt ihm kein Blut', fiel Papa dem Arzt ins Wort. 'Wir sind Zeugen Jehovas und lehnen Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ab.' Es war Papa egal, dass der Satz klang, als hätte er ihn lange auswendig gelernt. Er hatte ihn lange auswendig gelernt. 'Der Junge bekommt kein Blut, und damit basta!'"

Zitat aus Lost in Paradise

"Lost in Paradise", heißt das jetzt in der edition STROUX in München erschienene Buch des isländischen Autors Mikael Torfason. Es ist Torfasons eigene Geschichte, die er kaleidoskopähnlich in zahlreichen Mosaikstücken der Erinnerung erzählt. Er ist in einer Familie aufgewachsen, die sich - durch fast manisches Antreiben des Vaters - den Zeugen Jehovas angeschlossen hat und die aufgrund ihrer Ablehnung von Bluttransfusionen fast den mittleren Sohn Mikael geopfert hätte.

Mit dem Blick des chronisch kranken Kindes

Torfason hat sich als Heranwachsender von der Glaubensgemeinschaft distanziert und ist zum Künstler herangereift. Er schreibt Lyrik, Erzählungen, Theaterstücke und Romane. Sein Debütroman "Der dümmste Vater der Welt" aus dem Jahr 2003 wurde bereits damals von Tina Flecken übersetzt, genau wie nun auch "Lost in Paradise", das den sprechenden Untertitel trägt: "Islands arme Könige, ein amerikanischer Himmel und ich, Torfis zweiter Sohn".

Das Buch ist, neben einem kritischen Blick auf die isländische Gemeinschaft der Zeugen Jehovas aus der Perspektive eines chronisch kranken Kindes, vor allem ein Fenster hinein in die isländische Gesellschaft, Kultur und Geschichte, die uns hierzulande - trotz der Begegnung mit einer sehr sympathischen isländischen Fußball-Nationalmannschaft - immer noch fremd ist.

Kent Haruf und der amerikanische Alltag

Um Familie und wie sie abseits des gängigen Mutter-Vater-Kind-Schemas gestaltet sein kann, geht es auch in dem Roman von Kent Haruf, der jetzt bei Diogenes in deutscher Übersetzung von Rudolf Herbsten erschienen ist: "Lied der Weite". Der vor gut drei Jahren verstorbene amerikanische Schriftsteller erzählt darin von der 17-jährigen Victoria, die von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt wird, weil sie schwanger ist. Bei zwei alten Brüdern, beide Viehzüchter, findet sie Unterschlupf und nach einigen Schwierigkeiten tatsächlich eine Familie.

Wie in seinen anderen Romanen, so spielt auch "Lied der Weite" wieder in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado und bietet einen tiefen Einblick in den amerikanischen Alltag, der uns hierzulande oft so unverständlich, beinahe archaisch erscheint.


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