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Neues vom Buchmarkt "Meine dunkle Vanessa" von Kate Elisabeth Russell

Der Hashtag #Metoo, also "ich auch", verbreitete sich ab Oktober 2017 mit rasender Geschwindigkeit in den sozialen Medien. Auslöser waren die Vorwürfe mehrerer Frauen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Mitte März dieses Jahres wurde er zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt. Just zur selben Zeit erschien in den USA ein Buch, das man als literarische Verarbeitung der Debatte um Missbrauch verstehen kann, an dem seine heute 35-jährige Autorin, Kate Elizabeth Russell, allerdings schon mit 16 angefangen hatte zu schreiben. Ein hoch aktueller, tief ergreifender Roman.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 16.09.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Meine dunkle Vanessa"

Es fühlt sich irgendwie falsch an, ein Buch über den Missbrauch eines 15-jährigen Mädchens als großartig zu bezeichnen. Aber genau das ist der Roman mit dem seltsamen Titel "Meine dunkle Vanessa". Er ist so eindringlich, dass man nicht umhin kann zu denken: So kann nur schreiben, wer selbst Opfer von Missbrauch war.

"Meine dunkle Vanessa" ist gewissermaßen ein Gegenentwurf zu Vladimir Nabokovs berühmten Roman "Lolita" über die obsessive Liebe eines Literaturprofessors zu einer 12-Jährigen. Jetzt also die rein weibliche Sicht, die des Opfers. 15 Jahre war Vanessa beim ersten Mal alt.

"'Ich hätte es nie getan, wenn du nicht so willig wärst', hatte er gesagt. Es klingt wie eine Wahnidee. Welches Mädchen würde das schon wollen, was er mit mir getan hat? Und dennoch, es stimmt, so unglaublich es klingen mag. Ich war die Sorte Mädchen, die es eigentlich nicht geben sollte: ein Mädchen, das sich quasi freiwillig einem Pädophilen ausliefert. Aber nein, dieses Wort passt nicht zu ihm. Es ist eine Ausflucht, eine Lüge. Ganz so, wie es falsch ist, mich nur als Opfer zu bezeichnen und sonst nichts. So leicht war er nie einzuordnen, ebenso wenig wie ich."

Zitat aus Meine dunkle Vanessa

Was nun? Opfer oder Geliebte? Und kann ein 15-jähriges Mädchen überhaupt freiwillig die Liebhaberin eines 42-Jährigen sein? Oder ist sie die Mücke im Netz der Spinne? Das ist die Frage, die Russell in ihrem Roman stellt. Vanessa ist nicht nur zu jung, sie ist auch einsam. Und dann ist da dieser Mann, der ihr das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein: die Farbe ihrer Haare mit Ahornblättern vergleicht, ihre Gedichte lobt, ihr sein Lieblingsbuch leiht – "Lolita" natürlich – sie berührt. Am Ende ist es sie, die den ersten Schritt macht, – hat er sich nicht aus Rücksicht viel zu lange zurückgehalten?

17 Jahre später wird Strane angezeigt. Eine andere Schülerin bezichtigt ihn des Missbrauchs. Vanessa soll gegen ihn aussagen. Doch sie will nicht. Selbst als Erwachsene klammert sie sich an das Narrativ, das er ihr vorgegeben hat – von der verbotenen romantischen Liebe zweier verwandter dunkler Seelen.

"…ich nehme hier nicht nur Strane in Schutz, sondern auch mich selbst. Denn obwohl ich mitunter den Begriff 'Missbrauch' verwende, um gewisse Dinge zu beschreiben, die mit mir angestellt wurden, nimmt das Wort, wenn es ein anderer ausspricht, einen so hässlichen, absoluten Klang an. Es schluckt alles, was geschehen ist. Schluckt mich und die vielen Gelegenheiten, als ich es selbst wollte, darum gebettelt habe."

Zitat aus Meine dunkle Vanessa

Vanessa ist eine ambivalente, unzuverlässige Erzählerin. Man kann ihr nicht trauen, nicht, weil sie lügen würde, sondern weil sie sich selbst belügt. Als Teenager durchschaut sie Stranes Manipulation nicht, seine Drohungen, sie käme ins Heim, wenn alles aufflöge. Als Erwachsene klammert sie sich an den Glauben, sie sei die Einzige gewesen, die er geliebt hat, die Einzige, mit der er Sex hatte. Momente der Erkenntnis schiebt sie wieder weg - sie würde die Wahrheit schlicht nicht aushalten.

Die Figur der Lolita ist allgegenwärtig in Russells Roman. Als literarische Verkörperung einer fehlgeleiteten Männerfantasie, aber auch als fester Bestandteil der Popkultur. Die Nymphe, die Männern den Kopf verdreht. Russell enttarnt diesen Mythos und zeigt das zerbrechliche Mädchen dahinter, aber auch die erwachsene Frau, die sich nicht aus dem Netz ihres pädophilen Lehrers befreien kann und deren ganzes Leben danach im Zeichen des Missbrauchs steht.

"Meine dunkle Vanessa" ist harte Kost und große Literatur. Ein sehr komplexer, tiefgehender und überzeugender Roman. Russell wurde von einer anderen Autorin des Plagiats bezichtigt. Der Vorwurf erwies sich als haltlos, aber aufgrund des öffentlichen Drucks sah sie sich genötigt, zuzugeben, dass ihr Roman – anders als im Vorwort behauptet – durch ihre eigenen Erfahrungen als Teenager inspiriert wurde.

"Meine dunkle Vanessa" von Kate Elizabeth Russell ist bei C. Bertelsmann erschienen.


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