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Neues vom Buchmarkt Judith Zander: "Johnny Ohneland"

Neues vom Buchmarkt. Heute mit "Johnny Ohneland". Der neue Roman von Judith Zander. Für Knut Cordsen ein Sprachkunstwerk und die Buchempfehlung der Woche.

Von: Knut Cordsen

Stand: 14.10.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Die vergangenen Tage haben unser Augenmerk auf Dichterinnen gelenkt, deren Werk bisher nur wenigen Eingeweihten etwas sagte: Die hierzulande bis dato nahezu unbekannte amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhielt den Literaturnobelpreis und vorgestern Abend wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis für ein Heldinnenepos in freien Versen ausgezeichnet. Was liegt da näher, als gleich weiterzumachen mit Empfehlungen noch zu entdeckender Literatur? Auch die 39-jährige Judith Zander schreibt Gedichte, und alle zehn Jahre erscheint ein Roman von ihr. Ihr erster, "Dinge, die wir heute sagten", kam 2010 heraus und landete prompt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Johnny Ohneland - ein Sprachkunstwerk

Judith Zanders jüngster Roman heißt "Johnny Ohneland" und ist, man kann es nicht anders sagen, ein Sprachkunstwerk. Ein Wälzer mit über 500 eng bedruckten Seiten und 30 Jahre nach der Wiedervereinigung endlich mal ein ganz eigenwilliger, ja: staunenswerter Wenderoman. Der Titel "Johnny Ohneland" erinnert an "King John", den sie "King Lackland", König Ohneland nannten und dem unter anderem William Shakespeare ein Theaterstück widmete. Aber die Heldin dieses Romans ist keine Königin, sie ist eine junge Frau aus Vorpommern, die einige Ähnlichkeit mit ihrer Schöpferin aufweist: 1980 zur Welt gekommen, zitiert sie etwa fast ganz am Ende dieses großen Romans die eine Zeile aus Sarah Kirschs Gedicht "Leicht":

"Gab nichts das mich / Aufhalten konnte kein Festland / Hat mich lange beschäftigt. Immer / Sprang ich auf das letzte / Fahrende Schiff im September."

Zitat aus einem Gedicht von Sarah Kirsch

Ausbruch aus Kategorie-Knästen

So rastlos unterwegs ist auch Joana Wolkenzin, seit ihrer Kindheit "Johnny" gerufen und erfüllt von der "zehrenden Sehnsucht zu verschwinden", wegzuwollen. Ihre Mutter Roswitha hat die Familie, den Vater Wilfried, den Bruder Charlie und sie von einem Tag auf den anderen verlassen, 1998, ein traumatisches Erlebnis und womöglich Grund für ihren Fluchtinstinkt. Ein Jahr später schon ist Johnny, die mit neun Jahren den Untergang der DDR erlebt hat, in Finnland und denkt beim Anblick von Linoleumböden, Duscharmaturen, sie befände sich in einer Art "verbesserter DDR". Wiederum einige Jahre darauf, in Australien, wird sie am Goethe-Institut Deutsch unterrichten und bei einem Konzert nicht zum ersten Mal eine Frau küssen. Denn dieser Roman ist auch einer über die lesbische Liebe, mehr noch: über den "Ausbruch aus zwei Kategorien-Knästen: dem der Mädchen - künftiger Frauen - real existierender Weiblichkeit und dem im Grunde noch furchterregenderen des Mannes, wie er sein sollte".

Wesentlicher Protagonist: Die Sprache

Das alles ist fern aller Gender-Diskurs-Doktrinen mit fein ironischem Unterton erzählt, was man schon an Sätzen wie diesem merkt: "Du wolltest natürlich normal sein, aber natürlich ohne so sein zu müssen wie die anderen." Es ist bemerkt worden, dass der wesentliche Protagonist dieses Romans, der in der durchaus ambitionierten Form eines langen Selbstgesprächs daherkommt, die Sprache ist. Und Judith Zanders Sprachgefühl, das mühelos plattdeutsches Idiom, Kafka-Zitat-Einsprengsel und Lyrics aus Pop-Songs miteinander zu verflechten weiß, ist enorm.

"Johnny Ohneland" ist im Deutschen Taschenbuchverlag für 25 Euro erschienen. Am 17. Oktober 2020 stellt die Autorin ihr Buch bei den "Buchmessespitzen" im Münchner Literaturhaus vor.


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