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Neues vom Buchmarkt "Die Reisenden" und "Fehlstart"

Gerade sind auf Deutsch zwei Bücher erschienen, die nach ihrem Erscheinen in ihren Herkunftsländern gleichermaßen für Furore sorgten. "Die Reisenden" von Regina Porter in den USA, "Fehlstart" von Marion Messina in Frankreich. Beide sind Debütromane, in beiden spielt die weibliche Perspektive eine wichtige Rolle. Spannend ist jedoch vor allem ihr Blick auf die Gesellschaft.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 12.02.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Regina Porter: Die Reisenden

Wie ein Wimmelbild ist das Romandebüt der US-Amerikanerin Regina Porter. Es heißt "Die Reisenden", und der Name ist Programm. 35 Menschen führt der im Buchdeckel abgebildete Stammbaum zum Roman auf. Ohne ihn wäre man als Leser verloren. "Die Reisenden" ist ein Familienepos, in dem sich die Schicksale zweier Familien, die eine schwarz, die andere weiß, miteinander verbinden. Die Vincents aus Maine, die Christies aus Georgia. Sie alle sind Reisende durch die amerikanische Geschichte von 1946 bis 2009. Und auch der Leser wird hier zum Reisenden. Porter lässt ihn wild durch die Geschichte springen, wechselt in jedem der 21 Kapitel die Zeit und die Perspektive. Eine bunte Kakophonie von Stimmen, die am Ende ein rundes Bild erzeugt. Da ist Agnes, die 1966 von einem weißen Polizisten vergewaltigt wird, einfach so, weil er es kann und die danach Eddie heiratet, den der Vietnamkrieg später zum Teil den Verstand rauben wird.      

"Agnes brauchte keine Liebe zu heucheln, wenn ihr Mann nach Hause kam. Liebe war ein Muskel. Man benutzte ihn. Man trainierte ihn, und die Liebe lohnte es einem mit Kraft und Beweglichkeit."

Zitat aus Die Reisenden

Geliebt hatte sie eigentlich die schillernde Eloise, eine der ersten schwarzen Frauen, die fliegen lernt. Da ist der notorische Schürzenjäger und alte weiße Mann James Vincent, dessen Sohn Agnes Tochter heiraten wird, und der fast selbst dabei stirbt, als er deren Tochter vor dem Ertrinken rettet.  

"Einen Moment lang blieb James Samuel Vincent dort im Krankenzimmer fast das Herz stehen. Auf das Gefühl folgte die Erkenntnis – und das Entsetzen darüber -, dass Gott nicht nur eine Frau war: Nein, siehe da, die Erlöserin der Welt war auch noch schwarz."

Zitat aus Die Reisenden

Es passiert ziemlich viel in diesem von Leben erfüllten Roman, man sucht, findet, irrt, betrügt und tötet auch, trotzdem bleibt Porters Ton immer nüchtern, lakonisch. "Die Reisenden" ist das Porträt von in einem bestimmten Zeitraum miteinander verbundenen Menschen. Echtes Leben. Wunderbar komponiert. Die Reisenden von Regina Porter ist bei S. Fischer erschienen. Übersetzerin ist Tanja Handels.

Marion Messina: Fehlstart

"Fehlstart" heißt der Debütroman der Französin Marion Messina. In ihrer Heimat wurde sie nach seinem Erscheinen als "Houellebecqs Erbin" gefeiert. Als junge weibliche Antwort auf "Ausweitung der Kampfzone". Protagonistin ihres Romans ist die 19-jährige Aurélie. Ein Arbeiterkind, das vom Aufstieg träumt und anfängt, in Grenoble zu studieren. Doch das Studium ist langweilig, die Kommilitonen konformistisch und konsumsüchtig. Aurélie verliebt sich, erlebt ihr sexuelles Coming-Out, wird enttäuscht und startet einen Neuanfang in Paris, der Stadt der Träume. Sie legt einen fulminanten "Fehlstart" hin, landet im Dienstleistungsgewerbe, für mehr als ein Bett im Schlafsaal einer Jugendherberge reicht das Geld nicht. 

"In den ersten Metros am Morgen sind die Gesichter traurig, der Teint fahl, die Augenringe dunkel; schlaff umschließen die Hände ein eingeschweißtes Croissant oder eine Packung Fruchtsaft. Das Licht in den Waggons betont die müden Züge und die zusammengepressten Kiefer; beim Umsteigen erwacht die Menge wieder zum Leben und rennt durch die Gänge, drängen sich die erschöpften Körper, aus Angst zu spät zu kommen."

Zitat aus Fehlstart

"Fehlstart" ist eine soziologische Studie in Form eines Romans, der teils wie eine Reportage daherkommt. Messina erzählt von prekären menschenverachtenden Arbeitsverhältnissen junger Menschen, von sozialer Kälte, liebloser Sexualität. Sie bedient nicht die Fantasie des Lesers, sie knallt ihm ihre Interpretation der Gesellschaft quasi vor die Füße. Es ist der desillusionierte, gesellschaftskritische Blick eines jungen Menschen. Messina schreibt pointiert, der Vergleich mit Houellebecq ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch sie ist bei weitem nicht so gnadenlos wie er und ihr Blick immer zutiefst weiblich. "Fehlstart" von Marion Messina ist bei Hanser erschienen, übersetzt von Claudia Steinitz.    


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