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Neues vom Buchmarkt Evan Osnos: "Joe Biden. Ein Porträt"

Neues vom Buchmarkt. Passend zur Präsidentschaftswahl ist soeben die erste Biographie Joe Bidens auf Deutsch erschienen. Knut Cordsen hat "Joe Biden. Ein Porträt" von Evan Osnos gelesen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.11.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

So oft in den vergangenen Tagen betont wurde, dass die Amerikaner mit dem bald 78-jährigen Joe Biden den ältesten US-Präsidenten aller Zeiten gewählt hätten, so oft wurde dabei das Durchschnittsalter der ihn wählenden Amerikaner verschwiegen: Dieses sogenannte Medianalter liegt bei gerade mal 38 Jahren: Eine tendenziell junge Bevölkerung hat mehrheitlich für einen gut doppelt so alten Kandidaten votiert. Auch solch eine Information entnimmt man Evan Osnos' instruktivem Porträt Joe Bidens, das er wenige Tage vor der Präsidentenwahl veröffentlicht hat und welches nahezu zeitgleich mit der amerikanischen Ausgabe auf deutsch erschienen ist.

Evan Osnos begleitet Joe Biden schon lange

Der Pulitzer-Preisträger Osnos arbeitet für das renommierte Magazin "The New Yorker" und begleitet Joe Biden schon lange als Reporter. Er hat zahlreiche Gespräche mit ihm geführt. In einem sagte ihm Biden im Sommer dieses Jahres mit Blick auf Donald Trump und die bevorstehende Wahl:

"Ich befürchte, dass sie am Wahlergebnis herumschrauben werden. Hat man jemals zuvor einen Präsidenten sagen hören, er sei nicht sicher, ob er das Wahlergebnis akzeptieren werde?"

Zitat aus Joe Biden. Ein Porträt

Ein interessanter Aspekt dieses soeben erschienenen Werks über den Demokraten, der sich schon 1987 und 2007 um das höchste Amt der Vereinigten Staaten bewarb, betrifft seine ganz eigene Wahrnehmung der Wichtigkeit sozialer Medien.

Biden und soziale Medien

Verglichen mit Trump, so Evan Osnos, nutzt Biden diese Medien "praktisch nicht": Trump hat auf Twitter 88 Millionen Follower, Biden gerade mal 17 Millionen Gefolgsleute. Was sind soziale Medien anderes als gewaltige Propaganda-Instrumente, die das Lagerdenken verstärken? Joe Biden als „Zentrist", als "Instinktpolitiker", der auf Ausgleich und Versöhnung aus ist, lehnt "jegliches Lagerdenken", jede Polarisierung ab. Daher sein ausgestelltes "Desinteresse an sozialen Medien", so Evan Osnos. Die "linksliberale chattering class", also die Journalisten und Intellektuellen, die selbst sehr aktiv auf Kanälen wie Twitter und Facebook seien, hätten wegen dieser Haltung Bidens den sozialen Medien gegenüber große Zweifel gehegt an diesem Kandidaten.

Ein Mann der Mitte

Doch Joe Bidens Kommunikationschefin Kate Bedingfield sagte Evan Osnos noch vor kurzem, dass man diese Linie beibehalten werde:

"Wir werden nicht den ganzen Tag mit dem Versuch zubringen, den neuesten Twitter-Krieg zu gewinnen."

Zitat aus Joe Biden. Ein Portät

Solche Passagen machen dieses 264-seitige Porträt Bidens so lesenswert. Es ist weit davon entfernt, eine Hagiographie zu sein. Da ist etwa Bidens Hang zu langatmigen Reden. 2005, Barack Obama war gerade zum Senator gewählt worden, musste er sich einen arg zähen Vortrag seines späteren Vizepräsidenten im Außenpolitischen Ausschuss anhören. Obama hielt es irgendwann nicht mehr aus, er schob einem Mitglied seines Teams eine Notiz mit nur drei Worten zu: "Erschieß. Mich. Sofort." Doch dürfte man "Bidens rooseveltschen Eifer" nicht unterschätzen, schreibt Evan Osnos. Er sei als Mann der Mitte der richtige, um das Land aus der "dunklen Jahreszeit", wie Biden die Trump-Ära nennt, herauszuführen. "Die Präsidentschaft ist nicht einfach ein Verwaltungsamt", schließt Evan Osnos mit einem Zitat Franklin Delano Roosevelts: "Sie ist vor allem ein Ort der moralischen Führung."

"Joe Biden. Ein Porträt" von Evan Osnos, übersetzt von Ulrike Bischoff und Stephan Gebauer, ist für 18,95 Euro bei Suhrkamp erschienen.


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