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Neues vom Buchmarkt Dror Mishani: Drei

Die unangefochtenen Bestseller auf dem Buchmarkt sind nach wie vor Kriminalromane. Anscheinend reizt das Thema Gewalt und Kapitalverbrechen, in der Regel Mord, zur massenhaften Lektüre. Vor diesem Hintergrund ist der neue Roman des israelischen Krimiautors Dror Mishani, der explizit nicht als Krimi betitelt wird, ein ganz besonderes, neues literarisches Phänomen: eine Geschichte um Gewalt, die explizit gegen die Normalisierung von Gewalt antritt. Sabine Zaplin berichtet.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 02.10.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Dror Mishani, Jahrgang 1975, schreibt schon sehr lange. Bisher vor allem Kriminalromane - schließlich ist das Spezialgebiet des auch als Literaturwissenschaftler tätigen israelischen Schriftstellers die Geschichte der Kriminalliteratur. In seinen Krimis schickte er den Inspektor Avi Avraham auf Ermittlungen hinein in die Abgründe menschlicher Besessenheiten. Dann erschien im vergangenen Jahr auf dem israelischen Buchmarkt Dror Mishanis erster Roman, der explizit kein Krimi ist und der dennoch vom Abgründigen, vom unerklärlich Bösen erzählt: eine Geschichte in drei Teilen, die jeweils von einer Frau erzählen und wie diese einem auf den ersten Blick unscheinbaren Mann verfällt. Alle drei verfallen dem gleichen Mann. Für zwei von ihnen wird dies zum Verhängnis.

"Sie hatten sich über ein Dating-Portal für Geschiedene kennengelernt. Sein Profil war einigermaßen nichtssagend, und gerade deshalb hatte sie ihn angeschrieben. Zweiundvierzig, einmal geschieden. Ohne ein 'Voller-Heißhunger-auf-das-Leben' oder 'Noch-auf-der-Suche-will-mich-mit-dir-entdecken'. Politische Einstellung fehlte. Auch ein Teil der anderen Rubriken war leer geblieben."

Zitat aus Drei

Orna hat gerade eine schwierige Scheidung hinter sich, ihr zehnjähriger Sohn möchte gern mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, vielleicht sogar ganz zu ihm ziehen. Da bekommt Orna die Einladung von Gil, dem Mann aus dem Dating-Portal, ein Wochenende mit ihm im Ausland zu verbringen, nicht ganz unrecht, auch wenn sie ihm übel nimmt, dass er ihr bei ihren Treffen nicht immer die Wahrheit erzählt hat. Sie lässt ihn ihren Ärger darüber spüren, und so nimmt die Reise mit ihm einen höchst unerwarteten Ausgang.

Ähnlich ergeht es Emilia, der aus Lettland nach Israel eingereisten Altenpflegerin. Die Witwe des alten Mannes, den sie gepflegt hat, empfiehlt ihr wegen der unklaren Aufenthalts- und Arbeitssituation die juristische Beratung ihres Sohnes, Gil. Irgendwann wird Emilia Gils neue Wohnung putzen, irgendwann wird er sie dort zum Essen einladen.

"Er fragt, ob er Emilia ein Glas Weißwein zum Essen einschenken darf, und beim zweiten Mal willigt sie ein. Sie ist ja fertig mit Putzen. Und weil es schon sehr lange her ist, dass sie etwas getrunken hat, zeigt der Wein sofort Wirkung. Gil blickt auf Emilias Hals und ihr gerötetes Gesicht und sagt leise, sie rede nicht viel. Er fragt, warum. Fragt, ob sie sich einsam in Israel fühlt."

Zitat aus Drei

Auch Emilia wird von Gil zu einem Kurztrip ins Ausland eingeladen. Bei Emilia wird es schon vor der Abreise zu einem tragischen Ende der Beziehung mit Gil kommen. Und dann wird im dritten Teil Ella auf Gil treffen - Ella, die in einem Café etwas Ruhe vor dem turbulenten Familienalltag sucht, die draußen vor dem Café eine Zigarette raucht und von Gil um eine Kippe gebeten wird. Drei Frauen, ein Mann und eine immer wieder neue verhängnisvolle Affäre. "Drei", heißt der Roman von Dror Mishani, aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke.

In Israel stand der Roman wochenlang auf den Bestsellerlisten, bei seinem Erscheinen löste er geradezu einen Hype aus. Tatsächlich gelingt Mishani mit seinem hochkonzentrierten, extrem reduzierten und dadurch in seiner Personengestaltung messerscharf genauem Erzählstil eine Geschichte, die nicht allein durch die kriminalistisch angelegte Verbindung des rätselhaften Mannes Gil mit den drei Frauen in den Bann zieht, sondern vor allem auch durch den sehr feinen, sehr sensiblen Umgang mit dem Thema "Gewalt an Frauen". Für ihn sei sein Roman eine Kampfansage gegen die Normalisierung von Tod und Gewalt, sagt Dror Mishani. Sein Roman "Drei" ist jetzt bei Diogenes erschienen.


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