B5 aktuell - Programm


0

Neues vom Buchmarkt "Nachhall einer kurzen Geschichte" und "Das Gewicht von Nähe"

Wer bestimmt, was von der eigenen Lebensgeschichte weitererzählt wird? Wer stellt die Weichen für das Gelingen von Biographien und wer ist verantwortlich für deren Scheitern? Zwei Roman-Neuerscheinungen erzählen auf der Basis dieser Fragen zwei in ihrer Tragik weit reichende Liebesgeschichten: Fred Rebers Roman "Das Gewicht von Nähe", erschienen im Verlag Stroux Edition, und das Debut der Niederländerin Dorothée Albers, das unter dem Titel "Nachhall einer kurzen Geschichte" im Karl Rauch Verlag herausgekommen ist.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 19.02.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Dorothée Albers: "Nachhall einer kurzen Geschichte"

Eine kurze Szene am Rand eines niederländischen Moorsees. Eine junge Frau, allein. Vor ihr am Boden ein Seidenschal, Briefe, Fotos, selbstgestrickte Babysöckchen. Eine Entscheidung, die lange nachwirken sollte.

Dieser kurze Moment des Versenkens, mit dem die niederländische Erzählerin Dorothée Albers ihren Debütroman beginnt, wird als Echo bis zur letzten Seite dieses fesselnden Buches zu hören sein. "Nachhall einer kurzen Geschichte" lautet folgerichtig der Titel des gerade im Karl Rauch Verlag erschienenen Romans. Tatsächlich ist die Geschichte von Jet und Zev sehr kurz: die junge Klavierstudentin und der angehende Cellist haben das Pech, ihre Liebe in den 50er Jahren im streng katholischen Umfeld einer niederländischen Kleinstadt zu erleben. Jets Eltern lassen eine Verbindung ihrer Tochter zu dem jungen jüdischen Musiker nicht zu. Als sie schwanger wird, zwingen sie Jet, das Kind in einem Kloster zur Welt zu bringen und sofort nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Ihre Verbindung zu Zev reißt ab, als dieser sein Studium in den USA fortsetzt. Jet wird eine erfolgreiche Konzertpianistin, flieht in eine Vernunftehe, bekommt sehr spät noch einmal ein Kind, eine Tochter, zu der sie keine Beziehung aufbauen kann. Was sie nicht weiß, ist, dass ihr erstes Kind, ein Sohn, der bei Bauern aufwächst, das musikalische Talent seiner leiblichen Eltern geerbt hat. Gegen die Leerstelle in seiner Biographie, gegen das Schweigen der ihm unbekannten Mutter spielt dieser junge Mann mit einem besonders lauten Instrument an, mit dem Saxophon. Und bis in die Generation seiner eigenen Tochter hinein hallt die kurze Geschichte um eine nicht gelebte Liebe nach. Selten ist so dicht, in so schmucklosen, fast kargen Sätzen über die Abwesenheit der Liebe geschrieben worden; selten sind die Zwischentöne unter den Worten so deutlich zu vernehmen wie in diesem intensiven literarischen Debut.

"Nachhall einer kurzen Geschichte" von Dorothée Albers, aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt von Ulrich Faure, ist bei Karl Rauch erschienen.

Fred Reber: "Das Gewicht von Nähe"

Ist es bei Jet und Zev das Schweigen, in dem die kurze Geschichte ihrer Liebe nachhallt, so ist es bei Ben und Nina das Erzählen, das sich zwischen sie schiebt. "Das Gewicht von Nähe" heißt der jetzt im Verlag Stroux Edition erschienene Roman von Fred Reber, in dem es um einen erfolglosen Schriftsteller geht, der in einer Bar auf die Frau trifft, für die er als Jugendlicher geschwärmt hat. Schon damals war Nina ein Star. Jetzt lässt sie geschmeichelt Freds Angebot zu, will aber diejenige sein, welche die Spielregeln bestimmt - auch die der Biographie.

"Das Gewicht von Nähe" ist Fred Rebers zweiter Roman, jetzt erschienen bei Stroux Edition - eine Erzählung vom Kampf um die Deutungshoheit über das eigene Leben, vom Ringen um Nähe und Abstand und von der Macht der Sprache.


0