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Neues vom Buchmarkt "Die langen Abende" und "Unsere glücklichen Tage"

Vom Umgang mit der Erinnerung und vom gelebten Leben erzählen die beiden Neuerscheinungen, die Sabine Zaplin heute vorstellt: da ist zum einen der Debütroman einer langjährigen Lektorin, die ihre Hauptfiguren der Begegnung mit einem verdrängten Erlebnis der Vergangenheit aussetzt: und da ist die Wiederbegegnung mit der wunderbar kauzigen, schroffen Olive Kitteridge in Elizabeth Strouts neuem Roman, der an ihren Bestseller "Mit Blick aufs Meer" anknüpft.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 18.03.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Elizabeth Strout: "Die langen Abende"

Es gibt Schriftsteller, denen es gelingt, uns Leser zu einem Teil des Universums zu machen, das ihre Geschichten darstellen. Wir Leser bewegen uns darin, als wären wir dort zuhause und gut befreundet oder doch zumindest bestens bekannt mit all den Figuren, die dieses Universum gestalten. Elizabeth Strout ist so eine Schriftstellerin. Vor 13 Jahren hat sie die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge auf die Bühne der Weltliteratur gestellt, und jetzt gibt sie ihrer Leserschaft die Gelegenheit, Olive wieder zu begegnen.

"Olive setzte sich in den großen Sessel am Fenster und ließ den Fuß wippen. Die Abende nahmen dieser Tage kein Ende, dabei wusste sie noch, wie sie die langen Abende immer geliebt hatte. Über der Bucht plinkerte die Sonne, tief am Horizont jetzt. Olives Unrast wuchs; sie war fast nicht mehr auszuhalten. Ihr Fuß wippte immer heftiger, und als der Himmel endlich dunkel war, sagte sie laut: 'Bringen wir’s hinter uns.'"

Zitat aus Die langen Abende

Olive ist inzwischen über 80, ihr erster Mann Henry seit einiger Zeit tot. Was sie da hinter sich bringen will, ist der Anruf beim ebenfalls verwitweten Jack Kennison. Doch Olive hat noch viel mehr hinter sich zu bringen: die schwierige Beziehung zu ihrem Sohn, den Umgang mit der eigenen Einsamkeit in dem kleinen Ort Crosby in Maine, wo sie auf ehemalige Schüler trifft und auf all die anderen Bewohner, von denen jeder sein Schicksal zu meistern hat. Menschen wie Cindy, die krebskrank ist und Besuch von Olive erhält.

"'Wissen Sie, Cindy', sagte Olive, 'selbst wenn es so wäre, selbst wenn Sie sterben - die Wahrheit ist doch, wir anderen sind nur ein paar Schritte hinter Ihnen. Zwanzig Minuten hinter Ihnen, so sieht’s doch aus."

Zitat aus Die langen Abende

"Die langen Abende" heißt der gerade im Luchterhand Verlag erschienene neue Roman von Elizabeth Strout. In einer klaren Sprache und mit scharfem Blick für die vielen kleinen Bruchstellen im scheinbar glatten Alltag erzählt sie von den Menschen um Olive und davon, wie die sehr kritische, oft harsch im Umgangston mit ihren Mitmenschen ins Gericht gehende alte Frau diese Zeit der langen Abende meistert - im Angesicht des eigenen langen, aber endlichen Lebensabend.

"Nun war es soweit, es war fast zu Ende, ihr Leben. Es schleppte hinter ihr her wie ein Sardinennetz, schwer von nutzlosen Klumpen Seetang, Muschelbruch und den zahllosen glänzenden Fischen."

Zitat aus Die langen Abende

Vielleicht sind die Klumpen im Netz nutzlos, aber die Fische, die glänzen. Ein glänzender Roman ist Elizabeth Strout da gelungen, das Buch "Die langen Abende" ist jetzt bei Luchterhand erschienen.

Julia Holbe: "Unsere glücklichen Tage"

Die Geschichte eines langen Sommers, der auch im Leben der vier Heldinnen noch den frühen Sommer des Lebens darstellt, erzählt Julia Holbe in ihrem jetzt bei Penguin erscheinenden Debut mit dem Titel "Unsere glücklichen Tage". Darin geht es um vier Freundinnen, die einander einst viel bedeutet haben und die einmal gemeinsam einen Sommer an der französischen Atlantikküste verbrachten. Dort ist etwas geschehen, was die vier auseinandertrieb. Sie haben sich aus den Augen verloren, und als Elsa nach langer Zeit vom Tod Lenicas erfährt, einer der vier Freundinnen, als sie die anderen wiedertrifft, noch einmal mit ihnen in das Haus am Atlantik fährt, da kann sie sich endlich jener Geschichte stellen, die damals den Sommer so brutal enden ließ.

Julia Holbe, die zwanzig Jahre lang als Lektorin gearbeitet hat, erzählt in ihrem Debut von den großen Themen: von Liebe und von Schuld und davon, wie selektiv die Erinnerung ist. "Unsere glücklichen Tage" von Julia Holbe ist jetzt bei Penguin erschienen.


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