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Neues vom Buchmarkt Michael Haneke: "Die Drehbücher"

In dieser Woche sind erstmalig die Drehbücher aller Kinofilme des Oscar-Preisträgers Michael Haneke in Buchform erschienen. Knut Cordsen stellt sie vor.

Von: Knut Cordsen

Stand: 09.01.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

In Michael Hanekes preisgekröntem Film "Caché" gibt es diese kurze Szene, in der die männliche Hauptfigur, der Moderator einer Literatursendung im Fernsehen, von einem befreundeten Verleger erfährt, ein gemeinsamer Bekannter habe ein Drehbuch geschrieben und bereits verkauft. Auf die Frage, worum es gehe in dem Drehbuch, erhält er die lapidare Antwort: "Keine Ahnung". Auch dieser Dialog ist nun nachzulesen in den erstmals komplett erschienenen Drehbüchern Michael Hanekes. 76 Jahre alt ist er mittlerweile, und es ist ein großes Glück, dass dieser Sohn zweier Schauspieler sich für ein Dasein als Autorenfilmer entschieden hat, nachdem er in jungen Jahren noch damit geliebäugelt hatte, selbst Schauspieler zu werden.

"Ich bin heute natürlich froh, dass ich nicht Schauspieler geworden bin, weil mir mein Beruf – also diese Doppelschiene Autor und Regisseur – sehr viel Spass macht. Es ist auch so, wenn die Eltern Schauspieler sind, man selber 17 ist und in der Schule nicht gerade der Beste, dann will man natürlich auch so einen romantischen Beruf ergreifen. Also das soll man nicht so ernst nehmen, dass das mal so ein Wunsch von mir war. Ich wollte auch mal Pianist werden, da hat das Talent auch nicht gereicht – bin ich halt ein Regisseur geworden."

Zitat Michael Haneke

Als solcher drehte er moderne Klassiker wie "Die Klavierspielerin" nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek, "Liebe" oder "Das weiße Band". Die Drehbücher zu all diesen Filmen sind nun in einem Buch versammelt, - und wer Theaterstücke gern liest, wird auch an diesen Skripten großen Gefallen finden. So wie der Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der sagt, an Haneke fasziniere ihn "die Präzision seiner Arbeiten, das Unsentimentale" und "das Fehlen aller Klischees".

"Das Interessante ist ja bei Haneke - und das ist schon ähnlich wie bei mir -, dass die Gewalt aus dem Normalen entsteht. Es steigert sich langsam. Das Großartige an Haneke ist, dass er es nicht zeigen muss. Dass man eine geschlossene Tür sieht, und dass hinter dieser Tür die Gewalt passiert. Dass man die Fantasie haben muss, sich das vorzustellen und Haneke einem diesen Raum gibt. Das ist etwas ganz Außergewöhnliches für einen Regisseur."

Zitat Ferdinand von Schirach

Wer Meisterwerke wie "Funny Games" kennt, aber auch Hanekes Kino-Debüt "Der siebente Kontinent" hier noch einmal nachliest, der weiß, dass Gewalt bei diesem Regisseur und Drehbuchschreiber immer imaginierte Gewalt ist.

"Ja, nur das ist ja ein altes filmisches Mittel, dass die knarrenden Dielen im Nebenzimmer mehr Spannung auslösen beim Zuschauer als wenn da irgendeine Gespensterfratze durch die Tür schaut. Das heißt, Sie müssen eine Konstruktion, eine dramaturgische Konstruktion schaffen, eine Offenheit in der Struktur schaffen, die dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, seine eigene Fantasie in Bewegung zu setzen. D.h., den Film wie eine Sprungschanze zu sehen für den Zuschauer, so dass Sie sagen: Der Film ist die Schanze, aber fliegen muss er dann selber. Der Film muss ihm auch das Tempo gegeben haben, dass er fliegen kann. Man muss die Knoten so schürzen, dass die Erwartungshaltung steigt und steigt, und dann muss man den Zuschauer damit allein lassen, denn so wird er gezwungen sein mehr oder weniger, sich weiter mit der Sache zu befassen."

Zitat Michael Haneke

Ähnlich ergeht es einem als Leser der Drehbücher: Hanekes akkurate Szenefolgen lassen sofort Bilder vor dem geistigen Auge entstehen. Als Surplus findet sich in diesem voluminösen, unbedingt lesenswerten Band auch das Drehbuch zu einem bisher nicht realisierten Film, Arbeitstitel "Flashmob". Und auch wenn dieses Werk, das sich auf beängstigende Weise des Themas Online-Dating annimmt, nie verfilmt werden sollte, können wir es jetzt doch lesen. Michael Hanekes Drehbücher sind im Verlag Hoffmann & Campe erschienen zum Preis von 54 Euro.


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