B5 aktuell - Programm


3

Neues vom Buchmarkt "Der Riss" und "Schuldig"

Das Thema "Schuld" zieht sich durch zwei literarische Neuerscheinungen. Eine kommt aus Südkorea, die andere aus Japan. Zwei Psychothriller, deren Autorinnen Meisterinnen der subtilen Spannungserzeugung sind.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 08.05.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Der Riss" von Hye-Young Pyun

Hye-Young Pyun ist eine der wichtigsten und interessantesten zeitgenössischen Autorinnen aus Südkorea. Sie ist bekannt für ihre Kurzgeschichten und ihr Faible für die grotesken Seiten der menschlichen Existenz. In ihrem neuen Roman "Der Riss" geht sie der Frage nach, was passiert, wenn ein Unfall über ein scheinbar glückliches Leben hereinbricht und es zerstört. Und wenn ausgerechnet der Überlebende schuld an dem Unfall ist. Ogi heißt er. Er ist ein gut situierter Professor mit Frau und Eigenheim. Nach dem Unfall wacht er im Krankenhaus auf, er ist komplett gelähmt und kann sich nur über seine Augen mitteilen. Seine Frau ist tot.

"Wie kann sich ein Leben von einer Sekunde auf die andere so dramatisch verändern? Wie fällt es auseinander, bekommt einen Riss, wie schrumpft es einfach zusammen, bis es sich im Nichts auflöst? Hatte Ogi, ohne es zu merken, seinem Leben geholfen, sich auf genau diese Weise zu entwickeln?"

Zitat aus Buch

Ogi kämpft an zwei Fronten. Die eine ist sein Körper, der nicht mehr funktioniert, von dem sein Arzt aber sagt, er könne sich zumindest teilweise regenerieren. Die andere ist seine Seele. Er vermisst seine Frau und er fühlt sich schuldig. Ogi hat außer seiner Schwiegermutter keine Familie. Deshalb ist sie es, die ihn täglich besucht und ihn nach Monaten im Krankenhaus nach Hause bringt. Die beiden hatten nie ein herzliches, wohl aber respektvolles Verhältnis. Jetzt ist der ans Bett gefesselte Ogi vollkommen von seiner Schwiegermutter abhängig und diese entwickelt Seiten, die keiner erwartet hätte. Die Pflegerin, die sie einstellt, ist dubios und grob, den Physiotherapeuten feuert sie und von seinem Chirurgen, der ihn noch einmal operieren wollte, sagt sie, er hätte einen Unfall gehabt. Ogi wird in seiner Genesung immer weiter zurückgeworfen. Nach und nach kommt noch etwas anderes ans Licht: Ogi liebte seine Frau zwar, ihre Ehe war aber keineswegs glücklich.

"Seine Schwiegermutter war alles, was er noch an Familie hatte. Erst in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Hätte seine Frau überlebt, dann hätten sie wahrscheinlich kein verwandtschaftliches Verhältnis mehr zueinander. Fast wäre es so gekommen."

Zitat aus Buch

Scheibchenweise füttert Pyun den Leser mit Informationen und erzeugt so einen Spannungsbogen, der bis zum Finale ansteigt. "Der Riss" ist gleichzeitig Charakterstudie und Psychothriller. Pyun spielt geschickt mit dem Vertrauen des Lesers. Erst stellt sie ihm einen allwissenden Ich-Erzähler an die Seite, um dann nach und nach dessen Glaubwürdigkeit Risse zuzufügen. "Der Riss" von Hye-Young Pyun ist bei btb erschienen. 

"Schuldig" von Kanae Minato

Ebenso spannend ist der neue Roman der japanischen Autorin Kanae Minato. Ihr erster Roman, der Psychothriller "Geständnisse", hatte sie auf einen Schlag international bekannt gemacht. In "Schuldig", ihrem neuen Roman, geht Kanae Minato viel subtiler vor. Fünf Freunde wollen gemeinsam in einem abgelegenen Bergdorf ein Wochenende verbringen. Einer von ihnen kommt nach und muss am Bahnhof abgeholt werden. Nur zwei der vier können Auto fahren, beide haben Alkohol getrunken, es ist Nacht, draußen tobt ein heftiger Sturm, die Straße ins Tal ist kurvenreich und schmal. Der, der am Ende fährt, kommt nie an. Drei Jahre später werden sie in anonymen Briefen des Mordes beschuldigt. Dabei hatten sie nie jemandem erzählt, dass ihr Freund Alkohol getrunken hatte, bevor sie ihn, den Fahranfänger, auf seine tödliche Fahrt geschickt hatten. Sie schwanken zwischen Schuldgefühlen und dem Bedürfnis, sich reinzuwaschen. Wer könnte die Briefe geschrieben haben? Die Suche beginnt und die Erkenntnis, dass keiner von ihnen den Freund wirklich kannte.

"Schuldig" ist ein ausgesprochen raffiniert erzählter Roman. Sein Finale ist selbst für versierte Leser von Suspense Literatur überraschend. "Schuldig" von Kanae Minato ist bei C. Bertelsmann erschienen. 


3