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Neues vom Buchmarkt Anna Quindlen: "Der Platz im Leben"

Wie soll man leben? Nicht immer weiß die Literatur auf diese Frage eine Antwort zu geben. Und doch zählt es zu den Grundtönen einer Geschichte. Um das Wie und das Woher des Lebens geht es in dem neuen Roman "Der Platz im Leben" von Bestseller-Autorin Anna Quindlen.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 06.11.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Es gibt nicht viele Romane, denen der Spagat gelingt, ihr Lesepublikum von der ersten bis zur letzten Seite gut zu unterhalten und gleichzeitig einen kritischen Standpunkt einzunehmen gegenüber dem Zustand der Gegenwartsgesellschaft. Die Amerikanerin Anna Quindlen schafft das virtuos. "Der Platz im Leben" lautet der deutsche Titel ihres jüngsten Romans, jetzt erschienen bei Penguin. Im Zentrum der Geschichte steht Nora Nolan. Nora ist seit 25 Jahren mit Charlie verheiratet, Mutter von fast erwachsenen Zwillingen, Leiterin eines feinen kleinen Museums für Schmuck und eigentlich genau dort, wo sie immer sein wollte: in New York, genauer: in der Upper West Side.

"Aber so sehr sie New York auch liebte, manchmal hatte Nora doch das Gefühl, dass es wie die Liebe zu einer alten Freundin war, die sich im Lauf der Jahre sehr verändert und kaum noch Ähnlichkeit mit ihrem früheren Ich hatte. Sicher, auch Nora und Charlie hatten sich verändert. Es war, als hätten die Nolans und ihre Freunde es der Stadt, die florierte und dabei immer weniger schmutzig, weniger schräg, weniger hart und schroff geworden war, gleichgetan, all ihre Ecken und Kanten, ihre Eigenheiten abgeschliffen, um sich dem gängigen New Yorker Erfolgsstandard anzupassen."

Zitat aus Der Platz im Leben

Was Nora entgangen war, war der allmähliche Verlust ihrer Herkunft. Genau wie Charlie kam sie aus einer Zeit, in der Freiheit nicht bloß der Slogan eines Reisebüros gewesen ist, sondern eine Lebenshaltung. Wie alle in der ruhigen Wohnstraße in der Upper West Side, so hält auch Nora sich für höchst liberal. Man kennt einander, schätzt einander, lässt einander seinen jeweiligen Spleen. Und wer es geschafft hat, für sein Auto einen Stellplatz auf der einzigen in der Straße noch vorhandenen Brachfläche zu erhalten, der war tatsächlich angekommen an diesem Ort, wo jeder ein Kindermädchen aus Jamaica beschäftigte und wo der puertoricanische Handwerker für alle gelegentliche Reparaturaufträge erledigte. Doch dann parkt dieser puertoricanische Handwerker seinen Transporter eines Tages so unglücklich vor der Einfahrt zur Brachfläche, dass ein Nachbar beim Versuch, daran vorbeizufahren, sein Auto demoliert. Außer sich vor Wut, schlägt er den Handwerker krankenhausreif. Die Boulevardpresse stürzt sich auf die Geschichte, die Nachbarschaft muss sich positionieren, und auf einmal wird die Frage, ob man den zum Schläger mutierten einstigen Mitmenschen nun noch zur Weihnachtsfeier einladen darf, zur Gewissensfrage. Als Nora sich eines Tages aufrafft, um den verletzten Handwerker im Krankenhaus zu besuchen, wird sie später daheim von ihrem Mann mit bitteren Vorwürfen konfrontiert.

"Ach, Herrgott, Nora, du sitzt bei der Sache auf einem dermaßen hohen Roß, dass ich wirklich nicht weiß, wie du da je wieder runterkommen willst. Fang jetzt bloß nicht an, mich in diese verrückte liberale Schuldnummer reinzuziehen, die du da abziehst."

Zitat aus Der Platz im Leben

Es geht um nichts weniger als um die Krise des liberalen Amerikas, wovon Anna Quindlen in ihrem neuen Roman erzählt. Und das ist von Tanja Handels so gelungen ins Deutsche übersetzt, dass man sich beim Lesen des Eindrucks nicht erwehren kann, es könne genauso gut hier spielen. "Der Platz im Leben“ von Anna Quindlen ist bei Penguin erschienen.


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