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Neues vom Buchmarkt "Das Flüstern der Bienen" und "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln"

Wenn in diesen Osterferien schon keine Reisen möglich sind, so braucht man wenigstens spannende Bücher, die in fremde Welten entführen, nach Frankreich beispielsweise oder ins Mexiko zur Zeit der Spanischen Grippe. Sabine Zaplin hat unter den Roman-Neuerscheinungen dieses Frühjahrs zwei ausgewählt, die das Warten auf ein Ende des Lockdowns ein wenig verkürzen können.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 24.03.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Sofía Segovia: "Das Flüstern der Bienen"

Eine Geschichte aus Mexiko. Eine Geschichte von Krankheit und Bedrohung, von dem Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein. Eine Geschichte von besonderen Fähigkeiten. Sie spielt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Die Familie Morales lebt auf ihrer Hazienda in einer scheinbaren Idylle mit ihren beiden Töchtern und einer alten Amme, die eines Tages ein ausgesetztes Neugeborenes findet.

"Niemand hätte sagen können, wie lange das Baby mutterseelenallein dort gelegen hatte, hungrig und nackt. Niemand verstand, wie es unter freiem Himmel hatte überleben können, ohne durch die offene Nabelschnur zu verbluten oder zum Fraß von Ratten, Raubvögeln, Bären oder Pumas zu werden, von denen es in der Gegend nur so wimmelte. Und alle fragten sich, wieso ausgerechnet die alte Amme den Jungen unter einem Teppich aus wimmelnden Bienen gefunden hatte."

Zitat aus Das Flüstern der Bienen

Familie Morales nimmt den Bienenjungen auf. Simonopio nennen sie ihn, der wohl mit einem gespaltenen Oberkiefer auf die Welt gekommen und darum ausgesetzt worden war. Den die Bienen nicht nur geschont, sondern vor dem Erfrieren gerettet haben. Sie werden fortan seine Begleiter bleiben. Simonopio, der aufgrund seiner körperlichen Entstellung nie sprechen wird und der doch Dinge hört und sieht, die anderen verborgen bleiben - Simonopio, der Bienenjunge, wird die Familie Morales nicht allein vor den Gefahren des Bürgerkriegs warnen können, sondern auch vor der Spanischen Grippe.

"Er sah es. Sah den Tod, der alle auf dem Platz und in den Straßen ereilte. Sah die aufgetürmten Leichen auf dem vollen Karren. Er sah, wie sie vor den Häusern lagen, sah die Straßenhunde bei ihrem Festmahl. Er sah, wie die Morales starben, einer nach dem anderen, und mit ihnen das Kind, das nicht ins Leben getreten war."

Zitat aus Das Flüstern der Bienen

Es gelingt Simonopio, die Familie vor der tödlichen Krankheit zu bewahren. Wieder einmal. Doch wird er es auch in Zukunft noch schaffen, mit seiner Gabe bevorstehendes Unglück zu verhindern? Nicht allen in der Umgebung der Familie Morales ist das nämlich recht.

"Das Flüstern der Bienen", heißt der Roman von Sofía Segovia, der jetzt im List Verlag erschienen ist. Eine sehr phantasievoll erzählte Geschichte, die so gut in die von der Pandemie geprägte Gegenwart passt und die mit ihrem epischen Format und ihrem dramaturgisch geschickt gebauten Bogen gut geeignet ist, auch eine weitere Zeit des Wartens und Hoffens zu überstehen, bei bester Unterhaltung. Die mexikanische Autorin, die nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften bereits mehrere Theaterstücke geschrieben und als Dozentin für Creative Writing gearbeitet hat, legt mit "Das Flüstern der Bienen" ihren zweiten Roman vor, der in Mexiko die Begeisterung von Lesepublikum und Kritik weckte. Hierzulande darf sie noch entdeckt werden.

"Das Flüstern der Bienen" von Sofía Segovia, aus dem mexikanischen Spanisch ins Deutsche übersetzt von Kirsten Brandt, ist jetzt bei List erschienen.

Véronique Ovaldé: "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln"

Gut geeignet für eine spannungsreiche Auszeit ist auch der neue Roman der französischen Erzählerin Véronique Ovaldé, der unter dem wunderbaren Titel "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln" jetzt in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist.

"Gloria war schon seit so langer Zeit bereit, dass sie, als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, kaum eine Stunde benötigte, um alles zu packen, die Ausweise, Impfpässe, und die Beretta ihrer großen Liebe, für Stella zwei Exemplare aus dem Stapel mit den noch ungelesenen Büchern, für Loulou zwei Plüschtiere sowie ihr liebstes Schaffell. Dort, wie sie hinfahren würden, war es kalt, und die Mädchen hatten in ihrem ganzen Leben noch nie gefroren."

Zitat aus Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln

Es ist eine lange vorbereitete Flucht, die Gloria da beginnt. Sie ist überzeugt, dass sie jede Verbindung zu ihrer Vergangenheit abschneiden muss, wenn sie sich und die beiden Töchter schützen will.

Véronique Ovaldés neuer Roman "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln" ist Thriller, Frauenportrait und Fantasy in einem - eine brillante Erzählung, die immer wieder neue Wendungen nimmt - erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt.


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