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Neues vom Buchmarkt Christian Metz: "Kitzel: Genealogie einer menschlichen Empfindung"

Kitzlig sind die meisten von uns. Mit dem Kitzel als kulturhistorisches Phänomen setzt sich der Literaturwissenschaftler Christian Metz in einem gut 600seitigen Buch auseinander, das ursprünglich seine Habilitationsschrift gewesen ist: Knut Cordsen hat es gelesen und mit dem Autor darüber gesprochen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 09.09.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Der um eine Wortschöpfung nie verlegene Thomas Mann hat den Begriff des "Erkenntniskitzels" geprägt – ein solcher Erkenntniskitzel war es wohl, der den heuer gerade mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichneten Germanisten Christian Metz bei seiner voluminösen Untersuchung des Kitzels leitete.

"Das sind ganz unterschiedliche Kitzelmomente, die da zusammenkommen. Der spontane ist natürlich der Kitzel der Neugierde. Also die gute, alte curiositas, von der es eine alte Vorstellung gibt, derzufolge sie angetrieben wird von einem Kitzelgefühl und daher der Wille zum Wissen komme. Und das ist die gute, alte Leidenschaft des Wissenschaftlers, der sich genau diesem Kitzelgefühl der Erkenntnis nicht mehr entziehen kann."

Zitat Christian Metz

Christian Metz ist Geistes- und Naturwissenschaftler, er hat auch Biologie studiert. Ein Umstand, der ihm bei seinem Ansinnen, den Kitzel zu ergründen, zupass kam ...

"... und dann kam noch eine Erfahrung hinzu. Ich habe relativ früh mal für eine längere Zeit im Regenwald gelebt, in Ecuador. Und da ist mir schlagartig aufgegangen - es liegt wirklich schon eine Zeit zurück -, dass wir eine ganz andere Hautkonstitution, eine ganz andere Empfindungskonstitution, und damit auch ganz andere Berührungskonstitution als indigene Bevölkerungen dort im Amazonas-Gebiet haben. Während ich ständig in Insektenpanik war, und Insekten schon spürte, als sie noch gar nicht gekitzelt haben, haben die das wahnsinnig lässig abgewartet und höchstens mal weggeschnickt. Da ist mir aufgegangen: Oh, da gibt es tatsächlich etwas zu beobachten – etwas, worüber man nachdenken kann."

Zitat Christian Metz

Also las Christian Metz und fand Kitzel-Stellen en masse in der Literatur: von Hegels "Diebs-Mörders-Dichters-Kopf-Kitzel" bis hin zu Schillers "geilem Kitzel des Augenblicks". Um das Jahr 1800 herum war viel vom "Autorkitzel" die Rede – warum, dem geht Metz in seinem erhellenden Buch nach. Endlich lernen wir, warum wir etwa bei der Lektüre von Kriminalromanen von "Nervenkitzel" sprechen: Deren Leser, so Metz, spürten etwas, das analog verlaufe zur Berührung des sanften Kitzels auf der Haut. Die Leser reagieren "ebenfalls mit gesteigerter Gehirnaktivität, erhöhter Monoaminoxydase und Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin". Also sind diese physiologisch erforschten Reaktionsmuster ein Beweis dafür, dass Bücher die Neurotransmitter triggern und unsere Nerven kitzeln können.

"Lektüre ist ein hochkörperliches Phänomen und Ereignis. Deshalb haben wir auch solche Metaphoriken, dass man von einem Buch eher ergriffen oder sehr stark berührt ist. Das kommt eben nicht irgendwoher, sondern das kommt davon, dass diese Metaphoriken des Lesens und seiner Wirkung wiederum zurückgekoppelt sind an Körpererfahrungen."

Zitat Christian Metz

Ob es der "Lustkitzel" bei Elfriede Jelinek ist oder der "Lachkitzel" bei anderen Autoren – Metz erweist sich als äußerst kundiger Kitzel-Forscher. Ein anregendes Buch, gerade in körperkontaktreduzierten Zeiten wie diesen. Es sensibilisiert einen auch für Lektüren der Gegenwartsliteratur: So gibt es in Clemens J. Setzʼ Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" eine Szene, in der es ums Kitzeln und "Gegenkitzeln" geht. Da heißt es: "Manchmal schien es ihr, als wäre die ganze Tragik des Lebens in der Tatsache versammelt, dass man sich nicht selbst kitzeln konnte. Jesus vielleicht, dachte sie. Der konnte sich selbst kitzeln. Aber sonst niemand."

"Wenn es Trauer gibt über das Sich-selbst-nicht-kitzeln-können, können solche literarischen Szenen in dieser emotionalen Intensität das doch wieder aufwiegen ein Stück weit und in Balance bringen."

Zitat Christian Metz

Das voluminöse Buch "Kitzel: Genealogie einer menschlichen Empfindung" von Christian Metz ist für 32 Euro bei S. Fischer Wissenschaft erschienen.


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