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Neues vom Buchmarkt Bram Stoker: "Der Zorn des Meeres"

Den Autor Bram Stoker verbindet man vor allem mit einem Buch: dem Horror-Klassiker "Dracula". Doch Bram Stoker hat auch andere Bücher geschrieben – eines erscheint jetzt erstmals auf Deutsch: 120 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in englischer Sprache: "Der Zorn des Meeres". Knut Cordsen stellt das Buch vor.

Von: Knut Cordsen

Stand: 25.03.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Dieses Buch erzählt vom Schrecken, ja vom Horror des Meeres, von seiner Kraft und Unerbittlichkeit - und von einer Liebe an seinen Gestaden. An der rauen schottischen Nordseeküste siedelte Bram Stoker 1895 nicht nur seine Erzählung "Der Zorn des Meeres" an. Dort zwischen Peterhead und Aberdeen, in der Gegend um Cruden Bay, wanderte er auch gern über Klippen und Sanddünen. Bisweilen "hockte er wie ein riesiger Seevogel stundenlang auf den Felsen an der Küste, sein Notizbuch auf den Knien", so berichtet es sein Sohn Irving Noel und so zitiert es sein Übersetzer Alexander Pechmann im instruktiven Nachwort in diesem maritimen Kleinod.

Gewiss, wir verbinden meist nur "Dracula" mit Bram Stoker, aber es lohnt sich, diese zwei Jahre vor seinem Vampirroman veröffentlichte lange Erzählung zu lesen. Die Hauptfiguren darin sind William Barrow, von allen nur Sailor Willy gerufen, und Maggie MacWhirter. Sie ist die Tochter eines darbenden Fischers, er gilt als "bester Tänzer vor dem Mast" und ist im Dienst der Küstenwache Schmugglern auf der Spur, die bei Nacht und Nebel an Bord von Fischerbooten ihre illegale Ware ins Land zu bringen suchen. Willy und Maggie wollen heiraten, und lange Zeit hat man den Eindruck, es hier mit einem Schmachtfetzen von Büchlein zu tun zu haben, wenn man von seinen "starken Armen" liest und ihren "verebbenden" Schluchzern. Ganz freisprechen von aller Rührseligkeit kann man Bram Stokers Erzählung wohl kaum. Dennoch stößt man darin auf Sätze, die anzeigen, dass es dem Autor gerade nicht um Larmoyanz geht. Sätze wie diesen: "Im harten Alltag gibt es keinen Raum für ausgedehnte Rührseligkeiten; das Pendel schwingt von einer Tatsache zur anderen, und das Leben geht weiter wie zuvor." Und so lässt man sich darauf ein und stellt fest, dass "Der Zorn des Meeres" alles andere als eine Feier des früher so genannten schwachen Geschlechts ist. Maggie MacWhirter ist die Heldin dieser Geschichte, nicht Willy Barrow, sie ist die Mutige, Unerschrockene, die auch das "geheimnisvolle Grollen des Ozeans" nicht davon abhalten kann, in "tintenschwarzer Dunkelheit" in einer Nussschale heraus zu rudern auf die wild schäumende See, um ihren Vater, den Fischer, von etwas abzuhalten, das ihm sehr schaden würde. Am Ufer zurück bleibt ihr Verlobter - nichtsahnend von ihrer tollkühnen Tat zunächst und dann, als ihm dämmert, dass sie da draußen buchstäblich um ihr Leben rudert, bangend Ausschau haltend nach ihr inmitten der gewaltigen Fluten, die sich urplötzlich heben und "große Gischtdecken von den Kronen der sich aufbäumenden Wellen" werfen.

Ja, es stimmt, Bram Stoker schreibt von "mannhafter Unverwüstlichkeit" und dem "Geist jener stahlharten Berserker, die keine Furcht kannten und mit überragender Tapferkeit auf den Flügeln des Sturmwinds ritten". Aber es ist kein Seemann, dem er hier huldigt. Es ist eine Fischerstochter mit "Wikingerblut in ihren Adern", die Stoker uns kennenlernen lässt.

Eine wahre Seefrau eben. Bram Stokers Erzählung "Der Zorn des Meeres" ist gerade für 20 Euro im Hamburger mare-Verlag erschienen – wie immer, in äußerst ansprechender Gestaltung und Aufmachung.  


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