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Neues vom Buchmarkt Birk Meinhardt: "Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch"

In diesen Tagen erscheint das neue Buch des einstigen Journalisten Birk Meinhardt. Er schildert darin, warum er als preisgekrönter Reporter seiner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, den Rücken kehrte. Knut Cordsen stellt das Buch vor.

Von: Knut Cordsen

Stand: 24.06.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

144 Seiten, mehr braucht Birk Meinhardt nicht für diese Geschichte, die seine ist und zugleich unser aller Geschichte. Es geht darin um das, was derzeit falsch läuft im Journalismus und warum gerade Medien, die doch beanspruchen, Mittler der Wirklichkeit zu sein, zu oft "Weglasser" und Ausblender derselben sind und deshalb fatalerweise "selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor unseren Augen vollzieht. Wieso begreifen sie nicht, dass sie ohne Unterlass mit erzeugen, was sie so dröhnend verdammen?“ So fragt nicht irgendwer, sondern ein zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, ein einstiges Aushängeschild der Süddeutschen Zeitung, der Seite-3-Reporter Birk Meinhardt.

"Kurzer Brief zum langen Abschied"

Er schreibt nicht mehr für dieses Blatt, er schreibt nun über dieses Blatt und über das, was ihm widerfahren ist in dieser Redaktion. "Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch", nennt es Birk Meinhardt, der 1959 in der DDR zur Welt kam und kurz nach der Wende 1992 bei der SZ anfing. Es sei ein kurzer Brief zum langen Abschied, sagt Meinhardt, Peter Handke zitierend. Tatsächlich fand die endgültige Trennung erst 2017 statt – im Streit um einen Text, den die SZ so nicht drucken wollte. Es war nicht der erste, der nicht veröffentlicht wurde.

2004 bereits, Jahre vor der Finanzkrise, war eine lange und im Rückblick nachgerade seherische Geschichte über die katastrophalen Folgen des Investment-Bankings bei der Deutschen Bank nicht erschienen, weil das Wirtschaftsressort der SZ interveniert hatte. 2010 dann das nächste Veto – bei einer Reportage über zwei zu Unrecht verurteilte Rechtsextreme im Osten Deutschlands. Birk Meinhardt kommt aus dem Osten, und er hat noch gut im Ohr, mit welcher Begründung man damals bei der FDJ-Zeitung, für die er als Sportreporter schrieb, missliebige Artikel ablehnte: Das könnte dem Klassenfeind in die Hände spielen. Bei der SZ hieß es hingegen: Dein Artikel könnte "von Rechten als Testat dafür genommen werden, dass sie ungerechtfertigterweise verfolgt würden", er könnte von ihnen für ihre Zwecke genutzt werden.

"Schau, was ist"

Meinhardt druckt den inkriminierten Text so wie auch die beiden anderen nie publizierten Reportagen im Buch vollständig ab – so dass jeder sich selbst ein Bild davon machen kann. Unverständlich, warum sie nie in die Zeitung fanden. Vielleicht, sagt einem der Autor am Telefon, weil unser "Denkgebäude" zu festgefügt und nicht mehr irritierbar sei. Weil "Differenzierung als Verharmlosung abqualifiziert" werde. Weil ‚Haltung‘ im heutigen Lagerdenken mehr gelte als Hinhören, vorschnelle Reflexe sorgsame Recherchen infrage stellen. "Was ihr ‚Moral‘ nennt, das ist für mich Krampf ... Eure Ideale habt ihr diskret verschlampt wie ein gebrauchtes Tempotuch", heißt es in einem alten Lied von BAP - Meinhardt zitiert es in seinem klugen kleinen Buch, das nie selbstgerecht anklagt, sondern selbstkritisch ist. "Nüchtern sei und Misstrauen übe, das sind des Geistes Gelenke", diesen Satz eines alten Griechen hat sich schon Peter Handke zum Wahlspruch gemacht, Birk Meinhardt tut es ihm nach, weil nur diese Einstellung einen davor bewahrt, falschen Gewissheiten aufzusitzen. Schiele nicht auf Gefolgschaften, schau, was ist.

"Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch" erscheint am kommenden Montag im Eulenspiegel-Verlag zum Preis von 15 Euro. Es ist ein Appell an uns alle.


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