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Neues vom Buchmarkt "Besetzte Gebiete" von Arnon Grünberg

Der Niederländer Arnon Grünberg ist in seiner Heimat ein Literaturstar. Bekannt durch seine vielfach ausgezeichneten Romane und seine viel beachtete Kolumne in der überregionalen "Die Volkszeitung". Der Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender hat ein untrügliches Gespür für die grotesken Seiten des Lebens. "Besetzte Gebiete" heißt sein neuer Roman. Er spielt in Amsterdam und im Westjordanland.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 21.04.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Arnon Grünbergs neuer Roman beginnt da, wo sein letzter - "Muttermale" - aufhörte. "Besetzte Gebiete" ist so etwas wie ein Fortsetzungsroman, der aber auch wunderbar funktioniert, wenn man seinen Vorgänger nicht kennt. Wer ihn aber zuerst liest, könnte mehr wissen wollen über diesen Otto Kadoke, den Psychiater, der beide Bücher verbindet.

"Das war eigentlich etwas, das mir erst klargeworden ist, nachdem ich fertig war mit Muttermale und ich das Gefühl hatte, dass dieser Mann, dieser gescheiterte und nicht gescheiterte Psychiater, eigentlich so am Leben festhält, dass ich einfach noch nicht fertig mit ihm war, dass er ein zweites Buch brauchte, dass er das verdiente. Was mir noch nie zuvor passiert ist, ist mir mit ihm passiert. Er hat mich einfach nicht losgelassen."

Zitat Arnon Grünberg

Grünberg kann sich sogar vorstellen, noch ein drittes Buch über Otto Kadoke zu schreiben. Wer ist also dieser Mann, der den Schriftsteller so packt?

Er ist ein Psychiater, der ein guter Mensch sein will. Deshalb hatte er in "Muttermale" eine Patientin bei sich aufgenommen, die als austherapiert galt. Er engagierte sie als Pflegerin seiner Mutter, um sie mit dieser "alternativen Therapie" vom Selbstmord abzuhalten.

Genau hier setzt "Besetzte Gebiete" ein. Otto Kadokes Therapie hat funktioniert: So gut, dass die Patientin den Psychiater zum Mittelpunkt einer medial ausgefochtenen #metoo Debatte macht. Sie hat sich in einen Schriftsteller verliebt und der hat in einem Roman das ungewöhnliche Arzt-Patientin-Verhältnis zu einem handfesten Missbrauchsskandal ausgebaut, in dem der Patientin die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion zusehends verschwimmt. Aus dem Arzt Kadoke wird ein jüdischer Frauenschänder, er verliert seine Approbation und steht vor dem Nichts.

Doch dann öffnet ihm der Besuch seiner Cousine Anat aus Israel neue Möglichkeiten. Zum einen verliebt er sich in sie, zum anderen lädt sie ihn zu sich ins Westjordanland ein, wo sie in einer fundamental zionistischen Siedlung lebt. Kadoke ist Atheist und Anti-Zionist. Trotzdem fährt er.

"Das fand ich faszinierend, das wollte ich während des Schreibens auch versuchen zu verstehen, ob man wirklich für die Liebe alles, was man vor der Zeit geglaubt hat, wegschieben kann."

Zitat Arnon Grünberg

In der trostlosen Containersiedlung auf der Westbank entwickelt sich Grünbergs Roman zu einer handfesten Groteske mit zahlreichen Überspitzungen. Kadoke heiratet Anat und soll ihr möglichst viele jüdische Babys machen, die das gelobte Land besiedeln. Grünbergs scharfem Blick entgeht kein noch so kleines Detail absurdester Situationen. Er weiß, worüber er schreibt: Seine Schwester lebt im Westjordanland. Ist "Besetzte Gebiete" also eine Abrechnung mit dem Zionismus?

"Eine Abrechnung ist es nicht, ich wollte nur fragen, was die Zukunft von Siedlungen ist und von dieser Art Idealismus, denn so muss man es benennen, eine Art Messianismus, Idealismus, und wie sich das verhält zu unserer Zeit. Für mich ging es da eher um eine Ideologie, um eine Hoffnung, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und wie lebt sich das im 21. Jahrhundert?"

Zitat Arnon Grünberg

Einerseits könne man die Vergangenheit nicht verneinen, aber man könne auch zu einem Gefangenen der Vergangenheit werden, kritisiert Grünberg. Doch obwohl einem als Leser angesichts all der grotesken Momente, die er minutiös mit spitzer Feder beschreibt, das Lachen oft im Halse stecken bleibt, ist seine Motivation nicht Kritik an radikalen Siedlern wie Anat und ihrer Mutter, sondern der Drang zu verstehen:

"Es geht darum, ob man sich vorstellen kann, dass Leute so leben und denken, dass man sich irgendwie verliert in der Geschichte. Also die Moral gehört zu jeder Geschichte, aber vor allem als Schriftsteller bin ich kein Moralist, es geht mir nicht darum, meine Figuren zu verurteilen, es geht eher um Verstehen."

Zitat Arnon Grünberg

"Besetzte Gebiete" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 24 Euro.


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