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Neues vom Buchmarkt Bernd Cailloux: "Der amerikanische Sohn"

Es sind autobiographische Romane, die der Berliner Bernd Cailloux schreibt. Vor 15 Jahren fing alles an mit "Das Geschäftsjahr 1968/69", 2012 dann erschien "Gutgeschriebene Verluste" und nun hat er seine autobiographische Trilogie komplettiert mit dem Roman "Der amerikanische Sohn". Knut Cordsen hat ihn gelesen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 29.07.2020

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

75 Jahre alt ist Bernd Cailloux jetzt, und immer noch betrachtet sich dieser famose Autor nicht als gestandener Künstler, sondern nur als "Künstlerkandidat", um eine Formulierung aus seinem Roman "Gutgeschriebene Verluste" aufzugreifen.

"Ich sehe mein Leben also als eine Kette von Experimenten. Das Schreiben ist dann sozusagen das letzte Experiment, bei dem ich sozusagen hängen geblieben bin. Das erste Buch kam ja erst mit Vierzig, ich habe ja vorher andere Dinge gemacht. Also der Begriff ‚Künstler‘ gefällt mir nicht so gut, ‚Künstlerkandidat‘ finde ich besser. Man bleibt es eigentlich bis zum Schluss, und irgendwann entscheidet das Munzinger-Archiv ..."

Zitat Bernd Cailloux

Im Munzinger-Archiv ist Bernd Cailloux' Biografie in nüchternen Worten nachzulesen, besser aber, man liest in seinen Büchern nach, was diese "Spagatbegabung", um einen Begriff aus seinem neuen Roman zu nehmen, über sich erzählt. Denn Cailloux, der sich früher im Dunstkreis der Düsseldorfer Kunst-Szene um Joseph Beuys und Sigmar Polke bewegte und zusammen mit Freunden eine Stroboskop-Lichtanlagen-Firma für Discos und Nachtklubs unterhielt, ist ein Meister darin, lässig-selbstironisch seinen eigenen Lebensweg zu reflektieren und zu fiktionalisieren. Als "restviril" und "verfaltet" bespöttelt er seinesgleichen in seinem jüngsten Roman. Neumodische Begrüßungsrituale wie das Sich-in-die-Arme-Fallen: Nichts für ihn, "das hatten wir nie getan, der neuere, theatralische Männerbrauch der überherzlich ausgedehnten Umarmungen von Kerlen und Hipstern passte nicht zu uns, zu unserer Altersgruppe", heißt es gleich auf den ersten Seiten seines jüngsten Romans.

Wer weiß, vielleicht ist ja sein eigener Sohn ein solcher Kerl, ein Hipster? Das weiß er, der "Fern-Vater", leider nicht, was für einer er ist, kann er lediglich mutmaßen, denn seinen eigenen Sohn Eno hat der Erzähler in Bernd Cailloux' "Der amerikanische Sohn" bis auf einmal im zarten Alter von drei Jahren nie gesehen. Jetzt ist er Anfang dreißig, lebt in den Vereinigten Staaten und Bernd Caillouxʼ literarisches Alter Ego nutzt ein Stipendium in New York, um zu recherchieren, was aus Eno, dem jahrzehntelang verdrängten Sohn, geworden ist. Aber nicht nur das. Bernd Cailloux beobachtet die "Artish People" in den Galerien, das Kunstvolk, und er sinniert darüber, dass für seine Generation Kalifornien die Keimzelle der Gegenkultur war, dass dort in San Francisco, wo damals die Hippies den Ton angaben, nun die Techies im "digitalen Tal" regieren. Da schwingt Wehmut mit, aber der ironische basso continuo des Erzählers lässt bei aller Melancholie die Heiterkeit obsiegen.

"Ironie ist natürlich beim Schreiben eine entlastende Technik sozusagen, also es geht ja um den Widerstreit oder den Widerspruch zwischen der Unendlichkeit des Ideals und der Wirklichkeit – den in der Schwebe zu halten, diesen ständigen Widerspruch, dem wir ausgesetzt sind. Und da gibt es ein schönes Wort von Jules Rénard, das gefällt mir zum Thema Ironie am besten: Die Ironie ist das Schamgefühl der Menschheit. Das kann man jetzt deuten, warum muss man sich schämen? Also dass es eben nicht so läuft, wie es laufen könnte."

Zitat Bernd Cailloux

Scham ist es auch, die den Erzähler dieses Buches erfüllt. Es hätte besser laufen können zwischen ihm und seinem Sohn, das weiß er, viel besser. Ein kluger und am Ende einer langen Suche auch bewegender Roman: "Der amerikanische Sohn" von Bernd Cailloux ist bei Suhrkamp erschienen zum Preis von 22 Euro.


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