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Neues vom Buchmarkt "Alles ist möglich" und "Stadt der Geheimnisse"

Elizabeth Strout und Stewart O‘Nan gehören zu den wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Autoren. Beide beschäftigen sich in ihren Roman mit Vorliebe mit den Menschen der amerikanischen Mittelschicht. Besonders Stewart O‘Nan hat in seinem neuen Werk mit diesem Sujet gebrochen. Er spielt in Jerusalem kurz vor der Staatsgründung Israels. Ein Roman mit Thrillerqualitäten.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 28.11.2018

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Alles ist möglich" von Elizabeth Strout

Ein Requiem für eine Kleinstadt ist der neue Roman der US-Schriftstellerin Elizabeth Strout. Die Pulitzer-Preisträgerin hat ihr literarisches Talent schon zur Genüge bewiesen und doch hat sie sich mit "Alles ist möglich" selbst übertroffen.

Die Hauptfiguren ihres neuen Romans sind die Bewohner von Amgash im Mittleren Westen der USA. In neun Geschichten entwirft Strout einen ganzen Kleinstadtkosmos. Jede Episode steht für sich und ist doch untrennbar mit den anderen verbunden. Alle Charaktere kennen sich. Und auch für den Leser ist einer von ihnen eine alte Bekannte: Lucy Barton. Die Protagonistin von Strouts letztem Roman "Die Unvollkommenheit der Liebe" kehrt nach 17 Jahren in ihre Heimatstadt zurück. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern hat sie den Absprung geschafft, ist eine erfolgreiche Schriftstellerin in New York geworden. Doch kaum in ihrem Elternhaus angekommen, bekommt sie eine Panikattacke, zu übermächtig sind die Erinnerungen an ihre Kindheit. Die gewalttätige Mutter, die bittere Armut, der Spott ihrer Mitschüler, weil sie und ihre Geschwister Müllcontainer nach Essen durchsuchten. Bei keiner von Strouts Figuren ist das Leben so verlaufen, wie sie sich das gewünscht hat: Nicht bei Patty, die wegen ihrer Körperfülle als Fatty Patty verspottet wird, nicht bei Angelina, deren Mutter nach 50 Jahren Ehe den Vater verlassen hat, um mit einem 20 Jahre jüngeren Italiener nach Europa zu ziehen, nicht für den alten Charly, der eine Prostituierte liebt, die ihm das Geld seiner Frau abgenommen hat und auch nicht für Dottie, die sich von den Gästen ihrer Frühstückspension benutzt fühlt und aus Rache Spucke in ihre Marmelade mischt.

Elizabeth Strout ist eine Meisterin der menschlichen Seelenlagen. Subtil und ohne viel Worte schafft sie Situationen, die frei von Stereotypen alles über ihre Charaktere sagen. Am Ende sind diese dem Leser so vertraut, als würde man sie selbst kennen. Jeder hier hat sein Päckchen zu tragen. Das Verhalten von Menschen erklärt sich aus ihren Tiefschlägen, das ist Strouts Botschaft. Sie begegnet ihren Figuren mit großer Liebe und Empathie. Aber Strout wäre nicht Strout, wenn sie ihnen alle Hoffnung nehmen würde: die Hoffnung auf Liebe, Verständnis und Menschlichkeit bleiben immer. "Alles ist möglich" von Elizabeth Strout ist bei Luchterhand erschienen und kostet 20 Euro.

"Stadt der Geheimnisse" von Stewart O‘Nan

Deutlich pessimistischer ist "Stadt der Geheimnisse" von Strouts Landsmann Stewart O‘Nan. Es ist O‘Nans 17. Roman und wer einige davon gelesen hat, weiß, dass der US-Amerikaner immer für eine Überraschung gut ist. Von Mal zu Mal wechselt er das Sujet.

"Stadt der Geheimnisse" spielt in Jerusalem zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Staatsgründung Israels im Mai 1948. Es ist eine zerrissene Stadt, "Ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in der Straße, aus Beduinen und Bankiers." Jeder reklamiert das Land für sich, zionistische-paramilitärische Untergrundorganisationen kämpfen gegen die britische Mandatsregierung, die jüdische Flüchtlinge aus Europa regelmäßig abweist. Der Holocaust-Überlebende Brand ist illegal im Land, er hat seine Frau und gesamte Familie im KZ verloren. Brand ist ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. Tagsüber kutschiert er Touristen zu den Sehenswürdigkeiten, nachts übernimmt er Kurierfahrten für den Widerstand. Brand war nach Jerusalem geflohen, weil er Frieden suchte, jetzt befindet er sich erneut im Krieg. Bei einem Attentat auf einen Zug merkt er, dass er dieselbe Sprache spricht wie die Kapos im KZ.

"Stadt der Geheimnisse" ist ein düsterer und atmosphärisch dichter Roman, der einen sofort hineinzieht wie in eine alte schwarz-weiß Aufnahme. Der Roman mündet in dem historisch verbürgten Anschlag auf das King David Hotel und der Frage Brands: "Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?" "Stadt der Geheimnisse" von Stewart O‘Nan ist bei Rowohlt erschienen und kostet 20 Euro.


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