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Neues vom Buchmarkt Adam Higginbotham: Mitternacht in Tschernobyl

Es war der größte atomare Unfall seit Beginn der friedlichen Nutzung der Atomkraft: Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor IV des Kernkraftwerks Tschernobyl und bescherte der Welt den Super-Gau. 20 Jahre danach begab sich der englische Journalist Adam Higginbotham auf die Spuren der Katastrophe. Er will in "Mitternacht in Tschernobyl: Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten" erzählen. Heute ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 27.11.2019

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Zwölf Jahre lang hat Adam Higginbotham für "Mitternacht in Tschernobyl" recherchiert. Unzählige Male reiste er dafür in die Ukraine und nach Moskau, sprach mit Überlebenden der Katastrophe und Wissenschaftlern, besuchte Konferenzen, stöberte bis dato geheime Dokumente auf und überzeugte Archivare, mit ihm zu reden. Mehrfach besuchte Higginbotham die Sperrzone. Herausgekommen ist ein Sachbuch, wie man es als Leser gerne öfter in den Händen hätte - genau recherchierte Fakten eingebettet in ihren wissenschaftlichen und historischen Kontext, verwoben mit den Berichten von Augenzeugen zu einem runden Ganzen. Dank Higginbothams Erzählkunst liest sich "Mitternacht in Tschernobyl" wie ein spannender Thriller. Er ist immer nah dran an Augenzeugen der Ereignisse, wie dem leitenden Maschinenbauingenieur Alexander Juwtschenko:

"Und irgendwo inmitten des wüsten Durcheinanders aus Stahl- und Betontrümmern – aus den Tiefen der Ruine von Block IV, wo der Reaktor sein sollte – sah Alexander Juwtschenko etwas aufragen, was noch weitaus verstörender war – eine schimmernde Säule aus ätherisch blauweißem Licht, die geradewegs in den Nachthimmel schwebte und in die Unendlichkeit entschwand."

Zitat aus Mitternacht in Tschernobyl

Das Phänomen heißt radioaktive Luftionisation und war ein erstes untrügliches Zeichen dafür, dass der Atomreaktor mit der Atmosphäre in Kontakt kam. Trotzdem wurde das ganze Ausmaß des Gaus beharrlich verleugnet, erst nach 32 Stunden erging der Befehl zur Evakuierung der wenige Kilometer entfernten Atomstadt Prypjat. Alexander Juwtschenko wurde eines der Opfer von Tschernobyl. Higginbotham traf ihn noch 2006. Juwtschenko glaubte, die Strahlenkrankheit überwunden zu haben. Doch der unsichtbare Feind war in seinem Körper und kostete ihn 22 Jahre nach der Katastrophe schließlich das Leben. Offiziell starben nur 31 Menschen durch den Gau.

"Die am schlimmsten betroffenen Patienten im Krankenhaus Nummer Sechs waren Angriffen von außen und von innen ausgesetzt. Während die Anzahl ihrer weißen Blutzellen rapide sank, befielen Keime die Haut der jungen Techniker und Feuerwehrmänner…Überall dort, wo Betateilchen sie verbrannt hatten, auf den Armen, den Beinen und am Rumpf, bildeten sich schmerzhafte Geschwüre…Ausgehend von den Stellen, die mit radioaktivem Material in Kontakt gekommen waren, verbreiteten sich die durch Betastrahlen hervorgerufenen äußeren Verbrennungen wellenförmig und fraßen sich in das darunter liegende Gewebe."

Zitat aus Mitternacht in Tschernobyl

Higginbotham hinterfragt konsequent das offizielle Narrativ der Ereignisse und der Jahre dauernden Dekontamination. Bis 1991 beteiligten sich rund 600.000 Menschen an den Aufräumarbeiten, ihre Krankenakten wurden als geheim eingestuft. Die Frauen und Männer waren Kanonenfutter, menschliche Roboter, oft hatten sie bereits nach wenigen Sekunden die erlaubte Höchstdosis an Strahlung erreicht.    

Higginbotham rekapituliert minutiös die Geschehnisse vor und nach der Kernschmelze, erzählt nebenbei die Geschichte der friedlichen Nutzung von Kernkraft und bettet das alles auch noch in seinen politischen Hintergrund ein. War der Super-Gau am Ende nicht das Ergebnis des Versagens Einzelner, sondern des ganzen Systems? Der unreflektierten, fast schon religiösen Fortschrittsgläubigkeit und Gigantomanie, der jahrzehntelangen Planwirtschaft, Korruption, Schlamperei und staatlich verordneten Lügen? Und er schlägt den Bogen zum Ende der UdSSR. Trug letztlich Tschernobyl zu ihrem Untergang bei?

"Mitternacht in Tschernobyl" ist ein fesselndes, informatives und zutiefst erschütterndes Buch. Adam Higginbotham hat – und das ist sein großer Verdienst - dem Super-Gau ein menschliches Gesicht gegeben. Das Buch ist bei S. Fischer erschienen.


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