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Neues vom Buchmarkt "44 Tage" und "Wenn die Toten sprechen"

"True Crime" ist, zumindest was Streaming-Serien angeht, der letzte Schrei - im doppelten Sinn. Die Kriminal- und Verbrechensgeschichten, die tatsächlich geschehen sind und womöglich noch nicht in Gänze geklärt, regen zahlreiche Krimiautorinnen und Krimiautoren zu spannenden Geschichten oder Drehbüchern an. Auch im aktuellen Bücherfrühling sind ein paar Titel zu finden, die diesem neuen Genre, im weiteren und näheren, zuzuordnen sind. Sabine Zaplin hat zwei der Neuerscheinungen, die auf True Crime basieren, ausgewählt und stellt sie heute vor.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 07.04.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"44 Tage" von Stephan R. Meier

Es mag eine Binsenweisheit sein, dass die besten Geschichten das Leben selber schreibt. Aber zumindest bietet die Realität doch jede Menge Stoff, der sich mit den Mitteln der Literatur ausgezeichnet erzählen lässt. Und neben den Gattungen Biographie, biographischer Roman oder historischer Roman ist sogar die Gattung Kriminalroman geeignet, Zeitgeschichte erzählerisch darzustellen.

"Die Terroristen hatten durch die Entführung Schleyers buchstäblich alles im Griff. Sie bestimmten, was als Nächstes passierte und wann es passierte, ob und wie es weiterging. Sie diktierten die Bedingungen, sie gaben den Rhythmus in diesem Spiel vor. (…) Sie ließen die fürchterliche Gewalttat, die sie begangen hatten, durch ihr kaltes Schweigen in den Köpfen und Herzen der Menschen zu einem bösartigen Geschwür anschwellen. Ein Geschwür, das die Demokratie und all ihre Vertreter bedrohte."

Zitat aus 44 Tage

"44 Tage" heißt der Roman von Stephan R. Meier, der jetzt bei Penguin erschienen ist. Es ist ein Stoff, der kaum besser geeignet sein könnte für einen Polit-Thriller: Es geht um Deutschland im Herbst 1977, um den Terror der RAF und darum, wie und auf welche Weise die 44 Tage, die auf die Entführung Hanns Martin Schleyers folgten, dieses Land verändert haben. Der Roman setzt an in jenem Moment, in dem nach der brutalen Entführung des Arbeitgeberpräsidenten der Chef des Verfassungsschutzes noch am selben Abend an seinen Arbeitssitz zurückkehrt und mit seiner Sekretärin Annemarie den privaten Fahrstuhl hinauf in sein Büro nimmt.

"Annemaries Blick ruhte auf ihrem obersten Chef, zu Lebzeiten schon ein Mythos in Geheimdienstkreise. Von seinen Mitarbeitern wurde er nur P genannt. Sie spürte, dass sie für P in den nächsten Tagen und Wochen Dinge anzukurbeln hatte, vor denen selbst die operativen Abteilungsleiter und Ps eigene Vizepräsidenten geschützt werden mussten. Es gab ein Netzwerk innerhalb des Dienstes. Sie selbst war mit der Koordination dieses Netzwerks betraut. In dem Moment, in der wortlosen Isolation im exklusiven Aufzug des Präsidenten, war ihr mehr denn je bewusst, dass sie Ps Schnittstelle zu diesem Netzwerk war und ihm unter allen Umständen den Rücken freihalten musste."

Zitat aus 44 Tage

Stephan R. Meier, Jahrgang 1958, hat die Geschichte als junger Mann hautnah miterlebt. Sein Vater war damals Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz. Über ihn hat er bereits ein biografisches Sachbuch verfasst. Sein umfangreiches Wissen über die Geschehnisse rund um den Herbst `77 bildet die Basis für seinen extrem spannenden Thriller um die Rolle der Geheimdienste im Kampf gegen den Terrorismus. Mit der Figur des Verfassungsschutz-Chefs Ronald Manthey schickt Stephan R. Meier den Terroristen einen Gegenspieler ins Rennen, der mit ganz eigenen Mitteln den Kampf aufnimmt. In einer Vorbemerkung weist der Autor darauf hin, dass er sich in seinem Roman zwar in einzelnen Passagen auf das Zeitgeschehen und dessen Akteure bezieht, dass er aber die tatsächlichen Vorkommnisse mit künstlerisch gestalteten, fiktiven Schilderungen zusammenführe. Auf diese Weise ist ihm ein Polit-Thriller gelungen, der neben einer spannungsgeladenen Lektüre-Unterhaltung unbedingt dazu anregt, sich noch einmal mit den tatsächlichen Geschehnissen rund um den Herbst 1977 auseinanderzusetzen.

"44 Tage" von Stephan R. Meier ist jetzt bei Penguin erschienen.

"Wenn die Toten sprechen" von Claas Buschmann

Auch Claas Buschmann erzählt in seinem jetzt bei Ullstein erschienenen Buch "Wenn die Toten sprechen" von tatsächlichen Vorkommnissen. Doch im Unterschied zu Stephan R. Meier baut er keine fiktive Ebene mit ein. Claas Buschmann ist Rechtsmediziner und für sein Buch hat er zwölf besondere Fälle aus seiner Laufbahn zusammengetragen. "True Crime"-Fälle stehen zur Zeit vor allem in Filmserien hoch im Kurs. Hier liegen nun solche tatsächlichen Verbrechen in Buchform vor, und Claas Buschmann gelingt es, diese realen Geschehnisse aus seiner Perspektive mit einer Mischung aus kriminalistischem Interesse und großer Empathie zu erzählen, so dass man ihm fast atemlos durch die Seiten folgt.

"Wenn die Toten sprechen" von Claas Buschmann ist bei Ullstein im Taschenbuch erschienen.


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