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Album-Tipp der Woche "TYRON" von Slowthai

Dem Briten Tyron Frampton wurde, weil er in der Schule langsam sprach, der Spitzname Slowthai verpasst. Jetzt hat der Wortakrobat und Produzent einen neuen Longplayer veröffentlicht haben. Für Markus Mayer ist "TYRON" das Album der Woche.

Von: Markus Mayer

Stand: 16.02.2021

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Nein, langsam spricht er nicht mehr. Als Kind hat Tyron Frampton in der Schule mit Bedacht geredet, deswegen hatte er schnell einen Spitznamen weg, der zum Pseudonym für den Rap-Künstler wurde: Slowthai. Für "TYRON", sein neues Studio-Album, hat der 26-Jährige aus der Industriestadt Northampton ein einfaches, aber effektives Prinzip gewählt, um für Struktur und Klarheit zu sorgen: Es gibt eine Seite mit harten, aggressiven, fett produzierten Brettern, auf der anderen der B-Seite finden sich ebenso viele Tracks, die luftig, verspielt und funky angelegt sind. Hat also zwei Seiten, der gute Brithopper aus dem United Kingdom.

Front gegen Boris Johnson

Apropos Vereinigtes Königreich. Slowthai alias Tyron Frampton, Sohn einer Mutter mit irischen und karibischen Wurzeln sowie eines englischen Vaters, hat 2019 auf seinem Debütalbum gegen den Brexit polemisiert, gegen das nationale Selbstverständnis der Briten als großartige imperiale Macht. Er beschimpfte die Königsfamilie, wie das weiland Johnny Rotten bei den Sex Pistols getan hat - mit Vokabeln, die wir hier nicht wiederholen wollen. Als man dem Grime-Punk einen Preis verleihen wollte für "Nothing Great About Britain", nutzte er die Bühne, um Front zu machen gegen den Premier. Tyron Frampton hielt die Nachbildung des Kopfes von Boris Johnson hoch und verwünschte ihn - ebenfalls mit harschen Worten. Das Publikum raste vor Begeisterung. Seitdem ist Slowthai angekommen in der oberen Pop-Liga. So tourte er mit Liam Gallagher, dem einstigen Frontmann von Oasis, und trat beim Glastonbury Festival auf.

Slowthai - ein Reimartist

Auf dem zweiten Longplayer des Reimartisten, der nach wie vor in Northampton wohnt, gibt sich Tyron Frampton zumindest musikalisch kompromissbereit. So hat er einen Track mit Frauenversteher James Blake eingespielt. Gegen Airplay im Radio hat Slowthai offenbar nichts. Schließlich muss die Miete ja irgendwoher kommen und die Kohle, um das hauseigene Studio zu finanzieren. Das Land - und das ist hier ein leicht altmodischer Begriff für die Gesellschaft - ist ebenso gespalten wie dieses Album. Auf der einen Seite stehen die Jugendlichen, die in heruntergekommenen Städten ohne echte Perspektive vor sich hinleben, verraten und verkauft. Auf der anderen Seite sind die Menschen, denen sich Slowthai verbunden fühlt. Im "Song Feel Away" betrauert er einen bereits im Kleinkindalter gestorbenen Bruder. Wichtig ist ihm auch nach wie vor seine Mutter, die nach einem Umzug wieder in Northampton lebt und mit ihm in einem Häuschen wohnt. Eines von Slowthais Tattoos lautet daher "Sorry Mum". 

Mit seinem zweiten, gelungenen Longplayer verteidigt Slowthai jedenfalls seinen Ruf als wichtigste Stimme des derzeitigen UK-Hip-Hop. Erschienen ist "TYRON" bei Method/Universal.


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