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Album-Tipp der Woche "There Will Be No Intermission" von Amanda Palmer

Die Musikerin und Performerin Amanda Palmer wurde vor knapp zwei Jahrzehnten mit dem Duo The Dresden Dolls bekannt. Seit zehn Jahren ist die mit dem britischen Comic- und Bestsellerautor Neil Gaiman verheiratete Singer/Songwriterin vorwiegend mit Soloprojekten unterwegs. Aufsehen erregte sie 2012 mit einer Crowdfunding-Kampagne, mit der sie für eine Plattenproduktion die Rekordsumme von 1,2 Millionen Dollar einwarb. Auch ihr neues Studioalbum "There Will Be No Intermission" hat Amanda Palmer über Crowdfunding finanziert - für Bernhard Jugel ist es das Album der Woche.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 12.03.2019

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Ziemlich klassiklastig ist das neue Album von Amanda Palmer. Die Performerin und Musikerin mutet ihrem Publikum diesmal viel zu – 76 Minuten Spielzeit hat ihre neue CD, zwischen fünf und zehn Minuten lang sind ihre Lieder, kurze Instrumentals sorgen zwischendurch für Erholungspausen. Amanda Palmer kehrt auf diesem Album ihr Innerstes nach außen, singt über Tod, Abtreibung, Überforderungen im Alltag, den allgegenwärtigen Informationsoverkill oder auch generell über das Auf und Ab des Lebens.

"Alles wird gut" singt Amanda Palmer in "The Ride", einem 10-Minuten-Song, der davon handelt, dass uns das Leben oft genauso durchschüttelt wie eine Achterbahnfahrt. Amanda Palmer findet selbst da, wo sie über traumatische Erfahrung singt, immer eine Wendung ins Tröstliche. Und sie schafft es in jedem ihrer Songs, eine Verbindung zwischen eigenen Erfahrung und denen ihrer Fans herzustellen. Zum Beispiel, wenn sie darüber singt, wie Bücher von Judy Blume ihr über Schwierigkeiten in der Pubertät hinweggeholfen haben.

Der Song "Judy Blume" erzählt von einer in den USA umstrittene Autorin, umstritten deswegen, weil sie in ihren Jugendbüchern schwierige Themen wie Masturbation oder Homosexualität anspricht. Amanda Palmer hat Judy Blume mit diesem Lied, aber auch mit einem Video, in dem Dutzende Menschen ihre Bücher lesen, ein Denkmal gesetzt.

Amanda Palmer ist keine überragende Sängerin, sie spielt ganz gut Klavier und eher mäßig Ukulele. Dennoch sind ihre Lieder allesamt kleine Kunstwerke, weil sich in ihnen unsere Gesellschaft spiegelt, weil Palmer Widersprüche nicht glattbügelt, sondern sichtbar macht, weil bei ihr kleine Gesten und großes Pathos grandiose Kunst ergeben und es daher völlig egal ist, dass sie die Regeln kommerzieller Popmusik konsequent ignoriert. Aus all diesen Gründen ist "There Will Be No Intermission" eine der wichtigsten Platten des Jahres, denn Amanda Palmer ist damit dort angekommen, wo Bob Dylan vor einigen Jahren aufgehört hat.


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